Dokumentation über Ebola in Sierra Leone : Hoffnung und Hölle

Jan-Philipp Scholz, Westafrika-Korrespondent der Deutschen Welle, filmte auf Ebola-Stationen in Sierra Leone.

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„Und dann kommen die Helfer in den merkwürdigen Anzügen“: Deutsche-Welle-Reporter Jan-Philipp Scholz begleitete „Dead Body Management Teams“ bei der Arbeit.
„Und dann kommen die Helfer in den merkwürdigen Anzügen“: Deutsche-Welle-Reporter Jan-Philipp Scholz begleitete „Dead Body...Foto: Deutsche Welle

„Man darf eigentlich keine Geschichte ohne Hoffnung erzählen“, sagt Jan-Philipp Scholz. Der Reporter ist 32 Jahre jung und seit dem 1. September Korrespondent der Deutschen Welle für West- und Zentralafrika. Hoffnung finden in Freetown, ist das möglich? Freetown ist die Hauptstadt von Sierra Leone. Das Land ist neben dem benachbarten Liberia am schlimmsten vom Ebola-Ausbruch betroffen. 1200 Menschen sind dort nach den jüngsten Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO an dem Virus gestorben.

Ende September war Scholz mit seinem 27-jährigen Kollegen Adrian Kriesch 48 Stunden lang im Seuchengebiet unterwegs. Einen Tag nach seiner Rückkehr aus Freetown berichtete er bei einem Cappuccino in der Cafeteria der Deutschen Welle in Bonn von seiner Reise. Eine saubere, kühle Kantinen-Welt ist das, Selbstbedienung an der vollen Essenstheke, lachende Kollegen und muntere Gespräche an Nebentischen. Scholz empfand einen „Kulturschock“. Die Hand durfte man ihm nicht schütteln. Reine Vorsichtsmaßnahme, sagte er. Eigentlich unnötig, denn infizieren könne man sich nur bei engem Kontakt. Und erst dann, wenn die Symptome bereits ausgebrochen seien. Was bei Scholz nicht der Fall war. Aber eine „leichte Anspannung“ verspüre er schon, erklärte er. Mittlerweile hat sich die Anspannung gelöst, die Inkubationszeit ist vorbei. Scholz berichtet, Freunde und Kollegen wären „aus nachvollziehbaren Gründen zunächst vorsichtig“ mit ihm umgegangen.

Scholz begleitete "Dead Body Management Teams" bei der Arbeit

Ebola macht Angst. Aber die Seuche erscheint immer noch weit weg und stand in der Berichterstattung der vergangenen Monate im Schatten anderer Krisen: der Kriege in Gaza und Syrien, des Kampfs gegen die Glaubenskrieger des Islamischen Staats (IS). „Nicht nur die Regierung hat das verschlafen, auch die Medien haben das Thema zu lange vernachlässigt“, sagt Scholz. Zumal Westafrika eine ohnehin wenig beachtete Region ist. Bei ARD und ZDF sind die Studios in Nairobi zuständig, 5700 Kilometer von Freetown entfernt. Auch die Deutsche Welle eröffnet erst heute (Donnerstag, 23. Oktober) ihr neues Büro im immerhin „nur“ 1800 Kilometer entfernten Lagos, der Hauptstadt des nun offiziell Ebola-freien Nigerias. Ein besonders verlockender Standort ist die nigerianische Mega-City nicht gerade, doch „journalistisch gesehen gibt es kaum eine spannendere Ecke“, sagt Scholz, der bereits seit drei Jahren als Redakteur mit dem Schwerpunkt Afrika bei der Deutschen Welle arbeitet.

Insbesondere in Westafrika, wo Ebola im vergangenen Dezember ausgebrochen war, gebe es kaum Journalisten, die sich in der Region auskennen würden oder vor Ort seien. „Wir erhalten fast alle Informationen nur aus zweiter Hand“, erklärt Scholz. Meist von einheimischen Mitarbeitern, aber auch die sind rar gesät. Für die Deutsche Welle berichtet noch ein Kollege aus Liberia, aber niemand aus Sierra Leone. Liberia erhalte ohnehin mehr Aufmerksamkeit, meint Scholz, auch dank der traditionell engeren Bindung zu den USA.

Nur zwei Gesellschaften fliegen Freetown überhaupt noch an. Am Flughafen wird erst einmal Fieber gemessen. Man muss Formulare zum Gesundheitszustand ausfüllen und erhält Informationsmaterial. Scholz und Kriesch waren meistens mit dem Auto in der Stadt unterwegs, hielten Abstand. Das etwa eine Million Einwohner zählende Freetown sei extrem dicht besiedelt, sagt Scholz, und die Märkte stark überlaufen. „Man spürt an jeder Ecke die Angst, trotzdem müssen die Menschen ihren Alltag bewältigen.“ Doch nur auf Abstand bedacht sein, das geht für Journalisten schlecht. Die Korrespondenten übernachteten in einer von der Hilfsorganisation Cap Anamur angemieteten Wohnung und wurden zeitweise von einem dort ebenfalls lebenden Arzt begleitet. Sie besuchten eine gerade erst eröffnete Krankenstation und beobachteten die lebensgefährliche Arbeit eines „Dead Body Management Teams“.

"Und dann kommen die Helfer in den merkwürdigen Anzügen"

Diesen Rot-Kreuz-Helfern, die die Leichen einsammeln, drohen nicht nur Ansteckung, sondern auch tätliche Angriffe. Die Menschen würden der Regierung nicht vertrauen, sagt Scholz, auch nicht der bisweilen gewalttätigen Polizei und dem Militär. „Und dann kommen die Helfer in den merkwürdigen Anzügen.“ Vor zehn Jahren tobte in Sierra Leone noch ein Bürgerkrieg, später brach die Cholera aus. „Es ist unglaublich, wie das Land gelitten hat“, sagt Scholz. Es gebe viele Gerüchte und alten Geisterglauben, mehr als die Hälfte der Menschen seien Analphabeten.

Also spielt das Radio eine wichtige Rolle. Wenn er etwas auf den Straßen aufschnappen konnte, sagt Scholz, sei es in den örtlichen Programmen fast ausschließlich um Ebola gegangen. Auch die Deutsche Welle kooperiert mit zwei lokalen Radiostationen, die englischsprachige Sendungen der Deutschen Welle übernehmen. Seriöse Zahlen über die Verbreitung gebe es zurzeit nicht, räumt Claus Stäcker ein, der Leiter der Afrika-Programme der Deutschen Welle. Und mit anderen Auslandssendern, etwa der BBC, die dort über eigene Sender und Frequenzen verfüge, könne sich die Welle ohnehin nicht messen. Doch der deutsche Auslandssender gelte in Afrika als glaubwürdig, das würden die Rückmeldungen zeigen. „Uns nimmt man ab, dass wir keine kolonialen oder postkolonialen Interessen haben“, sagt Stäcker. Die Hälfte aller Nutzer der Welle-Programme, rund 50 Millionen, würden in Afrika leben.

Kinder werden nicht mehr behandelt, wenn sie "nur" Malaria haben

Scholz und Kriesch haben nach ihrer Reise unter anderem eine zwölf Minuten lange Fernsehreportage produziert, die auch im Netz abrufbar ist (http://www.dw.de/sierra-leones-kampf-gegen-ebola/a-17972916). Hoffnung ist nicht unbedingt der Tenor ihres Films, ausführlich wird jedoch das Engagement der einheimischen und ausländischen Helfer gewürdigt, die sich freiwillig in Lebensgefahr begeben. „Der Staat ist komplett überfordert“, sagt Scholz. Und den Ärzten mangele es an allem, an Material und auch an Erfahrung. Kinder, die „nur“ an Malaria oder Durchfall litten, würden kaum noch behandelt. In der Reportage ist ein leerer Bettensaal einer Kinderklinik zu sehen, die nach dem Ebola-Ausbruch geschlossen wurde.

Ein Schreckensszenario filmten sie dann auch noch: In einer Krankenstation läuft eine offenbar verwirrte Ebola-Patientin taumelnd aus dem Isolationsbereich. Sie löst Hektik und Aufregung aus. Niemand traut sich in die Nähe, ein Polizist feuert Warnschüsse in die Luft. Eine halbe Stunde dauerte es, bis zwei Helfer in Schutzanzügen die völlig erschöpfte Frau wieder zurücktragen können. Beklemmende Bilder wie aus einem Katastrophenfilm, hart an der Grenze des Zeigbaren. Aber die Katastrophe ist keine Hollywood-Unterhaltung mehr, sie ist Realität geworden. „Das ist wirklich die Hölle auf diesen Stationen“, sagt Scholz.

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