Medien : Dornröschen und die Klofrau

Nadja Uhl, Star aus dem Kinohit „Sommer vorm Balkon“, glänzt als Komapatientin in einem TV-Thriller

Kerstin Decker

Man macht sich gar keinen Begriff, wie leichtsinnig es ist, mal kurz aus dem Haus zu gehen. Drei Jahre lang einfach weg sein. Und dann kommt man zurück, und alle Plätze im eigenen Leben sind schon vergeben. Das Haus – verkauft. Der Mann liebt eine andere. Und auch die Tochter schaut, als wäre man abends zu lange weg gewesen. Ohne Gutenachtkuss. Vielleicht wären die Toten sehr erschrocken, wenn sie wüssten, wie schnell es den Lebenden gelingt, sie zu vergessen. Rückkehrer sind nicht eingeplant.

Die junge, einstmals sehr erfolgreiche Pianistin Juliane ist so eine Rückkehrerin. Drei Jahre lag sie nach einem Autounfall im Koma, drei Jahre, die sie gar nicht spürte. Und dann macht sie die seltsame Erfahrung des Längst-Ersetzt-Seins. Ja, wo soll sie denn jetzt hin in ihrem eigenen Leben? „Dornröschen erwacht“, heute abend um 20 Uhr 15 im Ersten, zeigt ihre Wiederauferstehung von den Fast-Toten als eine einzige große Verlegenheit. Doch, doch, es ist taktlos, einfach wiederzukommen. Vielleicht wacht deshalb im wirklichen Leben fast niemand mehr nach drei Jahren aus dem Koma auf. Eigentlich ist das eine schöne Experimentieranordnung. Wir dürfen erwarten, nun Zeuge einer Extrem-Seelenreise zu werden, die man in der Kino- und Fernsehsprache leider auch Psychothriller nennt. Dabei geht es wirklich um anderes als den bloßen Thrill. Und um es gleich zu sagen: Ein Hitchcock wird das hier nicht.

Nadja Uhl spielt die Pianistin Juliane. Nadja Uhl, die im Kino gerade als wunderbar „prollige Schnitte“ (Uhl) durch den Prenzlauer Berg radelt, in Andreas Dresens Kinohit „Sommer vorm Balkon“. Manche haben das Kino-und-Fernsehjahr 2006 schon vorausblickend zum Nadja-Uhl-Jahr ausgerufen. Sie hat so etwas Derb-Zartes, ist stark, aber zerbrechlich. Sie sieht aus wie ein Dornröschen, besitzt aber notfalls das Temperament einer Klo-Frau. Liebe Klofrauen der Erde: Das ist ein Kompliment! Nadja Uhl passt wirklich gut. Mit ihren mentalen Eigentümlichkeiten setzt sie sogar ihren betreuenden Arzt schachmatt, der so merkwürdig hilflos die Rückkehr in ihr früheres Leben hinauszögern will. Ulrich Tukur ist Herr Dr. Seebaldt, weiß bekittelt, telegen leidend.

Nun gehören Journalisten, die den Fort- oder gar Ausgang eines Psychothrillers verraten wollen, ganz bestimmt in Sicherheitsgewahrsam. Aber dass es ausgerechnet Julianes beste Freundin (Marie-Lou Sellem) ist, mit der ihr Mann jetzt lebt, das wird man noch sagen dürfen. Und auch, dass dieser Mann irgendwie unkoscher aussieht. Gegelte Haare, gegeltes Lächeln (der Nicht-Schwiegersohn-Typ: Misel Maticevic).

Elmar Fischers „Dornröschen erwacht“ nimmt sich Zeit für seine Geschichte. Das ist sehr schön. Der normale TV-Krimi hätte schon mindestens drei Leichen produziert, wenn hier diese Juliane immer noch erinnernd-erinnerungslos aus dem Fenster guckt. Oder immer Bilder aus ihrem früheren Leben sieht, die sie nicht deuten kann, die sie nicht einordnen kann. Meist sind Füße und schlechtes Wetter auf diese Bildern. Es regnet und Gullys laufen über.

Diese Juliane hat eine Gedächtnislücke. Was seit dem Begräbnis ihres Vaters bis zu ihrem Autounfall war, weiß sie nicht. Oder war es gar kein Unfall, sondern Mord? Jetzt gleich, denkt man, wird „Dornröschen erwacht“ ein ganz normaler Krimi. Aber Ermittler und sonstige Kripo-Beamte bleiben absolute Randfiguren. Das ist mutig. Allerdings neigt „Dornröschen erwacht“ bedenklich zu Dialogen wie: „Ich liebe dich, ich liebe dich.“ - „Es ist zu spät.“ - „Ich habe mich auch verändert.“ Und darüber liegt der zum Originalitätsgrad der Unterredung passgenaue Klangteppich. Merkwürdig auch, dass diese Pianistin sich fast nie für ihr Klavier interessiert.

Manche Zeitdiagnostiker bemühen längst wieder „das Böse“ in der Welt, um das Böse in der Welt zu erklären. Aber vielleicht liegt (s)ein Ursprung nur darin, dass Menschen kränkbar sind. Und aus solchen Verletzungen des Ich heraus sind sie zu fast allem fähig. „Dornröschen erwacht“ überspielt das, leider. Statt Tiefen-Lotung der Figuren bleibt es beim populären Am-besten-Du-machst-eine-Therapie-Ansatz. Und die Therapeuten sprechen auch hier so, dass man sie auf der Stelle zum Arzt schicken möchte.

Sagen wir es so: Wer diesen Film sieht, fällt bestimmt nicht gleich ins Koma, aber er wacht keinesfalls daraus auf.

„Dornröschen erwacht“, Mittwoch ARD, 20 Uhr 15

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