Medien : Doubles vor Gericht

In einem US-Sender wird der Prozess um Michael Jackson nachgespielt

Malte Lehming[Washington]

Was macht das Fernsehen ohne Bilder? Ganz einfach: Es schafft sie sich. Die Realität wird nachgespielt. Das Ergebnis ist ein Zwitter, halb authentisch, halb fiktiv. Die Details stimmen, die Dialoge haben wörtlich stattgefunden. Dennoch ist das, was gezeigt wird, eine Rekonstruktion. Die Wirklichkeit war irgendwie anders. Jeden Abend werden im amerikanischen TV-Sender „E! Entertainment Network“ die Schlüsselszenen aus dem Prozess gegen Michael Jackson gezeigt. Alles ist zu sehen: Leidenschaftlich halten die Vertreter von Anklage und Verteidigung ihre Plädoyers. Der Popsänger selbst sitzt oft reglos da, die Hände vor dem Gesicht gefaltet. Zeugen treten auf und werden vernommen. Der Richter moderiert. Keine Regung entgeht den Kameras.

Allerdings gibt es im Gerichtssaal in der kalifornischen Stadt Santa Maria keine Kameras. Der Richter hat sie verboten. Dem Popsänger wird vorgeworfen, einen 13-jährigen Jungen sexuell missbraucht zu haben. Zu dessen Schutz wurde das Kamera-Verbot verhängt. Das schränkt die mediale Verwertbarkeit des Prozesses, der als Jahrhundertprozess prognostiziert worden war, erheblich ein. Besonders die Fernsehsender sind ratlos. Viele behelfen sich mit Expertenrunden, die das Geschehen am Abend analysieren. Doch einen Eindruck von der Dramatik vermittelt das nicht.

Andere spektakuläre Verfahren, wie etwa das gegen O.J. Simpson, hatten extrem hohe Einschaltquoten. Überhaupt ist das Genre der Prozessfilme in den USA sehr beliebt. Das hat mit dem amerikanischen Justizsystem zu tun. Zwölf Geschworene müssen von der Schuld des Angeklagten überzeugt werden. Rhetorische Finesse ist gefragt. Nicht allein Fakten zählen, sondern auch Gefühle. Wer schlecht auftritt, kann an einem Tag alles vermasseln. Stets muss mit überraschenden Wendungen gerechnet werden.

Das soll bei Michael Jackson fehlen? Von wegen. In ihrer Bildernot kamen die Macher von „E!“ auf eine ebenso einfache wie brillante Idee. In einer Koproduktion mit „British Sky Broadcasting“ zeigen sie „The Michael Jackson Trial“. Die Sendung dauert eine halbe Stunde. Sie ist billig gemacht. Die Protagonisten werden von Schauspielern gedoubelt. Sie spielen die Höhepunkte des Prozesstages nach. Das ständig aktualisierte Drehbuch basiert auf der Abschrift der tatsächlichen Dialoge. Erfunden wird nichts.

Michael Jackson etwa wird von Edward Moss gespielt. Der doubelt den Sänger seit zehn Jahren. Rund neunzig seiner Kostüme hat er sich nachschneidern lassen. Dessen Bewegungen hat er genau studiert. Die „New York Times“ hat dem Jacko-Double, das auch in dem Teenie-Film „Scary Movie 3“ aufgetreten war, vor kurzem ein langes Porträt gewidmet. Eine Dreiviertelstunde, heißt es darin, dauere die tägliche Verwandlung. Dann ist die Kopie perfekt. Am Ende ist sogar der Kritiker der „Washington Post“ begeistert – mit einer Einschränkung. Moss sei der „Michael Jackson von vor zwei oder drei Nasen“, schreibt er.

Die Suggestivkraft der Sendung ist groß. Regelmäßig werden die Szenen von Experten kommentiert, die den Eindruck verstärken, hier werde tatsächlich der Prozess gezeigt. Auf jeden Fall füllt die Gerichtsshow eine Marktlücke. Wer Bilder braucht, um sich Dinge vorzustellen, schaltet ein. Denn allein durch das geschriebene Wort der Wirklichkeit näher zu kommen, ist mühsam. Reality TV hat den Gerichtssaal erobert.

„Jacko – der Prozess“, auch bei Viva, dienstags bis samstags, 18 Uhr 30 und 22 Uhr 15

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