Drama : Die Gefangene

Ein Jahr Geiselhaft im Dschungel: Im neuen „Bloch“ spielt die grandiose Claudia Michelsen eine traumatisierte Ministerin

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Verpanzert. Ministerin Marianne Herbst (Claudia Michelsen) wurde auf einer Dienstreise in Lateinamerika entführt und war ein Jahr lang Geisel im Dschungel von Honduras. Das hat sie stark verändert. Bloch (Dieter Pfaff) hilft. Foto: WDR
Verpanzert. Ministerin Marianne Herbst (Claudia Michelsen) wurde auf einer Dienstreise in Lateinamerika entführt und war ein Jahr...Foto: SWR/Krause-Burberg

Sie geht wieder so durchs Leben, als sei nichts gewesen. Als sei alles so wie vorher. Vorher, das war vor einem Jahr, als Marianne Herbst (Claudia Michelsen), Ministerin in der baden-württembergischen Landesregierung, auf einer Dienstreise in Lateinamerika entführt und ein Jahr lang im Dschungel von Honduras in Geiselhaft genommen wurde. Nun ist sie nach der Befreiung zurück in Stuttgart, zurück bei ihrem Mann Filip de Keyser (Filip Peeters) und ihren Kindern Ines (Linn Reusse) und Leon (Titus Clemens).

Zurück auch in der Politik. Doch dieses Zurücksein, es ist ein schwieriges. Marianne Herbst bewegt sich in ihrem Schutzpanzer durch dieses neue alte Leben, der es ihrem Umfeld schwer bis unmöglich macht, an sie heranzukommen. Marianne und Filip streiten nur noch, und auch die Kinder fühlen sich von der eigenen Mutter nicht wahrgenommen. Und wenn Marianne Herbst in der Öffentlichkeit auftritt, scheint die Atmosphäre in dem von ihr betretenen Raumes zu gefrieren.

Diese Frau ist so verletzt und zutiefst verunsichert, dass sie durch ihre vermeintliche Unantastbarkeit nur sich selbst isoliert. Hinzu kommt der zunehmende Druck von politischer und medialer Seite. Die Ministerin hat aggressive Ausfälle, scheint die Beherrschung zu verlieren. Ein gefundenes Fressen für die Presse sowie für jene im Ministerium, die an ihrem Stuhl sägen. Erst als ihr Mann den Psychotherapeuten Bloch (Dieter Pfaff) kontaktiert, beginnen sich die Dinge zu verändern.

Der bereits 18. Film der losen „Bloch“-Reihe der ARD ruht – neben seinem wie stets formidablen Hauptdarsteller Dieter Pfaff – ganz auf den Schultern der aparten Schauspielerin Claudia Michelsen. Michelsen tariert die innere Zerrissenheit dieser Frau, ihr eigenes In-sich-Gefangensein ganz wunderbar aus. Und schließlich auch die Befreiung daraus. Die Zwiegespräche zwischen dem Psychologen Bloch und Marianne Herbst zählen zu den vielen Glanzlichtern dieses guten und bewegenden Films (Regie: Elmar Fischer; Drehbuch: Jörg Tensing).

Eine ganze Zeit lang sitzt Michelsens Ministerin in den Sitzungen Bloch im schwarzen Ledersessel gegenüber und verzieht dabei nahezu keine Miene. Sie lässt sich nichts sagen, sie schwebt über den Dingen. Glaubt sie. Da will sich eine partout nicht in die Karten, geschweige denn ins verletzte Herz schauen lassen. Kontrolle bewahren, bloß die Kontrolle bewahren, und koste es alle restliche Energie, die noch da ist.

So hat sie bisher überlebt. Doch irgendwann schwindet diese Energie, bröckelt ihr allzu selbstsicheres, falsches Ego und fordert Bloch sie immer wieder aufs Neue auf, doch endlich loszulassen und hinzusehen, wirklich hinzusehen. Auf sich, auf ihren Mann, auf ihre Kinder – und auf die Zeit der Geiselnahme, die, wie Bloch sagt, nicht die Ursache, sondern nur der Auslöser von alledem ist. Da bricht es aus ihr heraus, da kann sie die Anspannung nicht mehr halten, die das Tragen eines solchen Schutzpanzers mit sich bringt.

Diese Sequenzen sind von hoher inszenatorischer und dramaturgischer Dichte und Stringenz, die Dialoge sitzen, nichts ist zu viel, nichts ist zu wenig. Und die beiden Schauspieler liefern in allem Maße glaubwürdige Charakterdarstellungen, die nachgehen.

Der Film „Bloch – Die Geisel“ erzählt einerseits von dem medialen, traumatisierenden Druck, dem öffentliche Personen heutzutage ausgesetzt sind, und behandelt hiermit ein hochaktuelles Thema, und andererseits vor allem von dem Bewusstwerdungsprozess einer Frau, die sich aus ihrem inneren Gefängnis befreit, das es ihr bisher wahrhaftig zu leben und zu lieben unmöglich gemacht hat. Damit fängt sie nun an.

"Bloch - Die Geisel", Mittwoch, ARD, 20 Uhr 15

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