Dschungelcamp : Der Fünf-Sterne-Ekel

Jetzt wird’s nackt, jetzt wird’s eklig, jetzt wird’s Nazi. Im RTL-„Dschungelcamp“, da funktioniert die Steigerungsdramaturgie bestens. Warum die RTL-Show Millionen von Zuschauern vor den Fernseher lockt.

Joachim Huber
Dschungelcamp
Glitschige Prüfung: Die "Dschungelcamp"-Bewohnerinnen Michaela Schaffrath und Isabel Edvardsson. -Foto: RTL

Die Quote hält Schritt: Am Dienstag, nach dem Hitlergruß von DJ Tomekk, erreichte die Pegelmarke mit 5,36 Millionen Zuschauern einen neuen Rekordwert, vor allem beim jungen Publikum. Bei jedem dritten Fernseher, der ab 22 Uhr 15 läuft, läuft das „Dschungelcamp“. Das ist, natürlich, unerhört, aber es ist auch eine Tatsache.

Bei der RTL-Show im australischen Nirgendwo spielen Mitglieder einer reichen Gesellschaft Steinzeit und Sozialdarwinismus nach. Keiner in Deutschland ist gezwungen, Maden zu fressen, sich von Ratten beißen zu lassen oder sich eine Ration Nahrung zu sichern, indem er in abgesoffenen Autos irgendwelche Sterne (=Essensmarken) aus der Halterung löst. Dann wird einer nach dem anderen aus der kuschelbetonten Riege herausgewählt, auf dass der „Dschungelkönig“ am Samstag feststeht.

Dieser Wettbewerb ist so widersinnig, wie wenn einer bei „Wetten, dass ...?“ wenigstens 30 Bierkästen unfallfrei aufeinander stapeln kann. Oder bei „Big Brother“ den Rest aus dem WG-Gefängnis mobbt. Für den Bierkästen-Stapler oder die „Big Sister“ oder den „Dschungelcamper“ ist das nicht zweckfrei. Nennen wir es Zeitvertreib, Sehnsucht nach Ruhm, TV-Piercing am eigenen Körper, Stolz. Nicht alle Mitbürger nehmen an den Schicksalsfragen wie Klimaschutz, der Wahl in Hessen oder der Penderpauschale ihren demokratisch notwendigen Anteil. Und war da nicht gerade wieder von einem neuen Gammelfleischskandal, von eitrigen Schweineköpfen, die Rede? Das „Dschungelcamp“ inszeniert nur eine, nämlich seine Wirklichkeit ganz fern vom Rosarot des gesellschaftlichen Paradieses.

Privatfernsehen kann nur dadurch existieren, dass Werbekunden und Zuschauer das „Dschungelcamp“ einschalten wollen. Also wird der Jahrmarkt auf den Bildschirm geholt, wird ein Perpetuum Mobile der Unterhaltung geschaffen. Längst sorgen RTL & Co. für den eigenen Nachschub an B- und C-Prominenz. Ein Castingformat wie beispielsweise „Deutschland sucht den Superstar“ bringt keine echten Stars hervor, sondern Personal fürs „Dschungelcamp“. Die größte Überraschung ist ja die, dass das Moderatoren-Duo Dirk Bach und Sonja Zietlow seine exquisit gemein geschliffenen Kommentare überm und übers Dschungelcamp ablassen darf und nicht selbst ins Camp eingezogen ist.

Einer wie der Schlagersänger Bata Illic, vom Leben und vielleicht von seiner Erfolglosigkeit verwarzt, unterzieht sich freiwillig dieser durchinszenierten Form von Fernsehunterhaltung, genauso wie die ehemalige Pornodarstellerin Michaela Schaffrath (Ex-Gina-Wild) oder, oder, oder. Der Zuschauer gewinnt Einblicke in Leben, die zum Stillstand gekommen, wenn nicht gescheitert sind. Möglich, dass Bata Illic das „Dschungelcamp“ als Resozialisierung am eigenen Leib versteht. Der No-Name, einst ein Unterhaltungsriese mit Hits wie „Michaela“ und „Schuhe, schwer wie ein Stein“, will wieder wer sein. Das ist noch keinem mit dem selbst auferlegten RTL-„Bootcamp“ gelungen, selbst die bisherigen „Dschungelkönige“ blieben dem Milieu verhaftet, dem sie im besten Fall 16 Tage lang zu entkommen glaubten. Im selben Maße, wie ein wenig Aufmerksamkeit und ein kleines Geld gewonnen werden, wird an Würde verloren. Der nachgewiesene Mut ist nur die Bereitschaft zur Selbstaufgabe.

Millionen Zuschauer sehen zu, womit erst einmal belegt ist, dass zehn Deutsche doofer sind als fünf Deutsche. Aber glaube keiner, dass allein die Unterschicht das Unterhaltungsprekariat beim Kakerlakentest begleitet. Das Bedürfnis nach Schadenfreude, Instinktbefriedigung und auch billigem Amüsement mag unterschiedlich stark sein, schichtenspezifisch ist es nicht. Wo tagsüber permanent Anpassung und Korrektur bei Abweichung – die spitzen Schreie nach Entschuldigung hallen stündlich durchs Land – verlangt werden, da braucht mancher des Abends einen Ausgleich, eine Entspannung dieser Art. Die These mag gewagt sein, aber in der Regel wird beim Fernsehen das eigene Niveau gerne unterschritten. Pfui Teufel, her damit – das funktioniert perfekt beim Glotzen. Ein Akt der Befriedigung ohne Kontrolle, ein „Dark-Room“ der ungefährlichen Art. Oder so: RTL bietet mit „Dschungelcamp“ einen Erlebniszoo mit allerdings freiwilligen Insassen, an deren Gitterstäben sich die Besucher die Nase plattdrücken. Was hat eigentlich Knut im Zoo-Camp mit einem Eisbär zu tun?

Der großen Nachfrage wegen wird auf „Dschungelcamp 3“ das „Dschungelcamp 4“ folgen. RTL sollte Lothar Matthäus und Cora Schumacher einladen. Ohne Rachegefühle geht das nicht.

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