Medien : "Durch den wilden Kaukasus": Auf den literarischen Spuren Alexandre Dumas

Tomas Gehringer

Da sitzt er nun, eingekeilt zwischen zwei Grenzern in einem klapprigen Polizeiauto, als wäre er wie ein verirrter Tourist von gewissenhaften Beamten aufgegriffen worden. Der mittlerweile zum ARD-Vorsitzenden gewählte WDR-Intendant Fritz Pleitgen ist dienstlich hier: Er dreht eine Reportage über den Kaukasus. Der "Säulenheilige", so der Sender-Jargon für das leitende Personal, darf sich damit einen Jugendtraum erfüllen. "Im Grunde habe ich 50 Jahre Anlauf genommen. Seit ich die Geschichte über Prometheus gelesen habe, wollte ich unbedingt dorthin", sagt Pleitgen über seinen Zweiteiler "Durch den wilden Kaukasus" (ARD, 25. Dezember, 22 Uhr 25 und 26. Dezember, 22 Uhr - einen dritten Teil zeigt der WDR am 27. Dezember um 20 Uhr 15).

Fritz Pleitgen wandelt auf den literarischen Spuren von Alexandre Dumas, der Mitte des 19. Jahrhunderts über seine "Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus" berichtete, und beweist seine Liebe zur russischen Dichtkunst durch allerlei Zitate. Die Vorüberlegung, "an den Kriegen vorbeizufahren", um den politischen Korrespondenten nicht in die Quere zu kommen, erwies sich als haltloser Vorsatz. Die Verhältnisse im Kaukasus, wo es so viele Völker und Sprachen wie in keinem Gebiet vergleichbarer Größe auf der Welt gibt, sie zwingen dazu: "Ich habe dort sehr friedliche Menschen getroffen", sagt Pleitgen, "doch wenn sie über ihre Nachbarn sprechen, geraten sie in einen unheiligen Zorn." Diese Ernsthaftigkeit gerät freilich in Konflikt mit einigen Szenen, in denen dem Intendanten der Abstieg in die Niederungen seines eigentlichen Berufes Journalist doch etwas skurril gerät. Mal mit Pepitahütchen, mal mit Baseballkappe bedeckt, ragt der groß gewachsene Rheinländer in den kaukasischen Sommer-Himmel, plaudert hier mit einem von Pech und Pannen verfolgten kurdischen Taxifahrer und dort mit einem 106-jährigen Abchasen, der ihn bei einem feucht-fröhlichen Gelage am liebsten adoptieren möchte. Es ist nicht immer auszumachen, ob solch filmischer Mutterwitz eher unfreiwillig entsteht oder aber Pleitgens Hang zur Selbstironie entspringt.

Ganz ohne Selbstzweifel begründet Pleitgen den nicht unerheblichen Aufwand. Während der fünf Wochen ließ er im Sommer daheim die Amtsgeschäfte ruhen. "Wir haben das tapfer verkraftet", sagt er dazu. Nach der Reise wurde neben seinem Büro extra ein Schneideraum eingerichtet, um bei der Arbeit am Filmschnitt wenigstens die Wege in Köln abzukürzen. "Herr Augstein, Gräfin Dönhoff - sie alle stehen für ihr Produkt ein. Warum soll das nicht auch ein Intendant dokumentieren?", sagt der künftige ARD-Chef.

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