E-Book : Umblättern per Knopfdruck

Amazon scheint mit einem neuen E-Book den Nerv der Leser zu treffen.

Markus Ehrenberg

Vor jedem Urlaub die Qual der Wahl: Welche Bücher kommen in den Reisekoffer? Ratgeber für die Kindererziehung, was Philosophisches zur geistigen Erbauung, der schnelle Schmöker von Grisham für heiße Tage oder bei Regenwetter endlich mal in Ruhe den ganzen Proust anfangen? Oder am besten alles mitnehmen – und mitschleppen? Seltsam eigentlich, dass eine Art iPod für die Augen, ein preiswertes, gut funktionierendes, elektronisches Lesegerät, mit dem diese Entscheidungprobleme hinfällig wären, so lange auf sich warten ließ. Mit dem so genannten „Kindle“ scheint Amazon jetzt den Nerv der Leser getroffen zu haben. Über 500 000 solcher E-Books sind in den USA seit der Markteinführung vor gut einem halben Jahr verkauft worden. Schon ist von einer Revolution der Lesegewohnheiten die Rede.

E-Book-Visionen gibt es seit Mitte der 90er Jahre. Stichwort digitale Verfügbarkeit: Alles wird multimedial, warum nicht auch das Lesen? Anfang 1999 kam das Rocket eBook auf den Markt. Obwohl viele davon ausgingen, dass das den traditionellen Büchern den Todesstoß versetzen würde, wurde die Produktion gleich wieder eingestellt. Jetzt scheint es mit dem Angebot des weltweit größten Internet-Händlers wieder ernster zu werden – wenn auch ohne Todesstöße. Experten, die Amazons „Kindle“ in den Händen hielten, sind trotz der etwas überdimensionierten Große (300 Gramm schwer, 15 Zentimeter hoch) von den technischen Eigenschaften des E-Books angetan. „Recht Strom sparend, keine Hintergrundbeleuchtung und Spiegelungen im Sonnenlicht, guter Kontrast, das elektronische Papier verschafft fast so ein Lesegefühl wie bei traditionellen Büchern und Zeitungen“, sagt Jürgen Rink, Redakteur der Computerzeitschrift „c’t“.

Das „Kindle“-Konzept ähnelt dem von Apples Musik-iPod: Gerät und Inhalte kommen aus einer Hand. Für 359 Dollar (etwa 230 Euro) kann sich der Käufer in den USA aus einem Stamm von 125 000 Büchern 200 Werke heraussuchen und über eine kostenlose Mobilfunkverbindung vom Internet auf das E-Book übertragen. Weitere Literaturbestseller oder Zeitungen wie die „New York Times“, das „Wall Street Journal“ oder die „FAZ“ können hinzubestellt und unterwegs jederzeit gelesen werden.

Je nach Stimmung mal Proust, mal Grisham oder die Tageszeitung auf der 15,2 Zentimeter langen Bildschirmdiagonalen – das bedeutet für den Leser mehr Platz in der Tasche und für die Branche vielleicht eine Chance, neue Absatzmärkte zu erschließen. „Langsam wird klar, dass sich die Einbrüche des Musikgeschäftes durch das Internet in der Buchbranche wiederholen könnten, auch wenn das Buch als Medium auf Dauer unschlagbar ist und jedem elektronischen Medium überlegen“, sagt Christian von Zittwitz, Chefredakteur des Branchenmagazins „Buchmarkt“.

Offiziell warten deutsche Verlage mit Vertriebsentscheidungen noch ab, zudem Amazon Deutschland nicht sagen will, wann der „Kindle“ in anderen Ländern als den USA eingeführt wird. US-Töchter der Holtzbrinck-Verlagsgruppe, zu der auch der Tagesspiegel gehört, publizieren in den USA schon über den „Kindle“. Von 130 000 Büchern, die bei amazon.com sowohl als „Kindle“-Version als auch als physisches Buch erhältlich sind, verkauft das Unternehmen laut Amazon-Sprecherin Christiane Höger bereits sechs Prozent als E-Book. Vor Amazons Erfindung sollen sich weltweit nur rund 100 000 E–Books verkauft haben. Zu teuer, zu unhandlich, zu kurze Laufzeit, zu wenig haptisch, so die Kritiken in diversen Online-Foren. Diese Vorbehalte scheinen sich mit dem – konkurrenzlos günstigen – neuen E-Book geändert zu haben. Der „Kindle“-Bestseller dieser Woche, die Memoiren des ehemaligen Pressesprechers des Weißen Hauses, Scott McClellan, kann man in einer Minute aus dem Internet laden und zahlt ein Drittel weniger als für die Buch-Version, die in drei Wochen wieder vorrätig sein dürfte. Auch wenn Medienhypes kritisch betrachtet werden sollten und das Lesen nicht gleich durch Umblättern per Knopfdruck revolutioniert wird, sieht die Zukunft des gedruckten Wortes mit dem „Kindle“ noch etwas variabler aus. Vor allem im Urlaub.

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