Medien : Ein Auge zu

Nach Doping-Enthüllungen: ARD/ZDF wollen Radsport weiter übertragen

Markus Ehrenberg,Joachim Huber

ARD und ZDF wollen trotz der Dopingbeichten ehemaliger Radprofis vorerst an der Übertragung von Radsport-Ereignissen festhalten. Hintergrund ist die Forderung des SPD-Politikers Peter Danckert, Tour de France und Deutschlandtour im Fernsehen zu boykottieren. ARD-Sprecher Peter Meyer sagte am Mittwoch, es gebe zwar Überlegungen zu einem Ausstieg, „aber auch die Auffassung, dass ein Ausstieg jene Kräfte schwächte, die sich für einen sauberen Radsport einsetzen“. In einer Phase, in der sich der Radsport um Erneuerung bemühe, sei ein TV-Boykott „der schlechteste Weg“. Der ARD-Vorsitzende Fritz Raff hatte im Deutschlandfunk gesagt, die Sendeanstalten setzten sich mit jedem neuen Dopingfall auseinander und drängten darauf, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Bereits 2006 hätten ARD und ZDF deutliche Forderungen an die Veranstalter und die Rennställe gestellt und dadurch Verbesserungen erreicht.

Auch ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender lehnt einen Boykott strikt ab: „Was machen wir denn dann bei den Olympischen Spielen, wenn es im Vorfeld da und dort Dopingfälle geben sollte? Sollen wir etwa nicht aus Peking übertragen?“ Brender sagte dem Tagesspiegel, auch er bewerte die jüngste Outing-Welle als ein Zeichen der Selbstreinigung. „Die ehemaligen Radrennfahrer, die sich jetzt äußern, stehen doch für ein früheres System des branchenweiten Dopings.“ Mittlerweile, so Brender, habe sich „nicht zuletzt durch den aktiven Druck des Fernsehens, durch die von ARD und ZDF in den Verträgen durchgesetzte Dopingklausel sehr viel zum Positiven hin bewegt“.

Dass über jedem Radrennen jetzt ein Dopingverdacht hängt, nimmt Brender in Kauf: „Das ist das Fegefeuer, durch das wir gehen müssen.“ Wahr sei allerdings auch, dass das ZDF bei früheren Großereignissen wie der Tour de France das eine oder andere Auge zugedrückt habe. „Wir waren zu sehr in der Beobachterrolle des aufregenden Radsports.“ Bei der Tour 2007 werde mit Peter Leissl ein Dopingexperte neben dem Etappen-Kommentator sitzen. Ob es eine saubere Tour werde, könne er, Brender, nicht versprechen, allerdings habe „das ZDF jede Freiheit, aus der Berichterstattung auszusteigen“. Gegen einen TV-Boykott sprach sich auch der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach, aus: „Die Berichterstattung muss in vollem Umfang stattfinden.“ ARD und ZDF, die zusammen pro Tourjahr eine sechsstellige Summe für die Fernsehrechte aufwenden, wollen eine Verlängerung des bestehenden Vertrages mit dem Tour-Veranstalter über 2008 hinaus.

Auch die ARD kündigte an, ihr Dopingexpertenteam auszubauen. Neben Hajo Seppelt gehe der WDR-Redakteur Florian Bauer mit auf die Tour. Beide werden „situativ“ vor die Kamera kommen, so ARD-Radsportsprecher Rolf-Dieter Ganz.

Aber ob allein der „kritische Blick“ und „investigative Berichterstattung“ (ARD- Sprecher Meyer) ausreichen, um glaubhaft ein Zeichen gegen Doping zu setzen? Am Dienstag hatte der Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Peter Danckert, nach den Geständnissen der ehemaligen Radprofis Bert Dietz und Christian Henn einen Stopp der Radsport-Übertragungen von ARD und ZDF gefordert. Die früheren Fahrer des Telekom-Teams hatten zu Beginn der Woche zugegeben, in den 90er Jahren das Blutdoping-Mittel Epo verwendet zu haben. „ARD und ZDF, die von den Gebührenzahlern leben, sollten sich von der Übertragung der Tour de France und anderer Radsportereignisse so lange fern halten, wie nicht der Sport reinen Tisch gemacht hat“, sagte Danckert. Gerade öffentlich-rechtliche Sender dürften den Zuschauern „nicht vorgaukeln, es gebe den dopingfreien Sport“.

ZDF-Chefredakteuer Brender und ARD-Programmchef Günter Struve verteidigten am Mittwoch bei einer Anhörung des Bundestags-Sportausschusses in Berlin ihre Positionen in Sachen Radsport-Übertragungen. Struve betonte, dass das Erste seit vorigem Sommer – nach Bekanntwerden der möglichen Verstrickungen von Jan Ullrich in die Fuentes-Affäre – keine Verträge mehr mit aktiven Sportlern abschließe, „weil die Gefahren zu groß werden“.

Was nicht zur Sprache kam: Für die Sender geht es beim Radsport auch um Werbeeinnahmen. Laut ARD-Werbung Sales & Services kostet bei der am 7. Juli startenden Tour ein 30-Sekunden-Spot zwischen 6200 und 17 400 Euro.

Ex-Radprofi Marcel Wüst hat unterdessen die Idee einer Amnestie für geständige Dopingsünder begrüßt: „Es geht ja nicht mehr darum, die Leute jetzt dafür zu bestrafen, was vor zehn Jahren war.“ Wüst ist auch dieses Jahr wieder als ARD-Experte bei der Tour eingeplant.

„Maybrit Illner“, ZDF, 22 Uhr 30, Thema: „Doping-Beichten: Kommt jetzt die ganze Wahrheit raus?“

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