Medien : Ein Bett im Schlachtfeld

Ob Guido-Mobil oder US-Panzer – wehe dem Journalisten, der sich einwickeln lässt

Simone Schellhammer

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Simone Schellhammer

„Wo sind die journalistischen Kollateralschäden größer: Wenn man in einem US- Panzer embedded ist oder im Guido-Mobil?“ Claus Christian Malzahn, der für den „Spiegel“ als embedded Korrespondent im Irak war, stellte diese Frage am Freitag in Hamburg bei der Tagung „40 Jahre Weltspiegel“. Und so entstand bei der Podiumsdiskussion zum Thema „Embedded – Lehren aus dem Irak-Krieg“ mehr und mehr der Eindruck, dass schließlich alle Journalisten irgendwie „eingebettet“ sind, die Nähe zum Objekt also immer mal wieder zu groß wird. Da sei die Kriegsberichterstattung keine Ausnahme. So beschrieb Claus Christian Malzahn in einer seiner Reportagen zwar offenherzig, wie er mit den Soldaten Aspirin gegen Waschpulver und CDs gegen Zigaretten tauschte, um dann jedoch zu betonen, dass er sich zwar einbetten, aber nicht einwickeln lasse. Wie stark die Identifikation dennoch werden kann, machten die Äußerungen von Guido Schmidkte deutlich, der für N 24 und Sat 1 bei einem Pionierbataillon embedded war und davon erzählte, wie „wir mit unserem Kommandanten einmarschiert sind“. Auch Uli Rauss vom „Stern“, dessen Erfahrungsbericht von Ausdrücken wie „access“, „clearen“ und „special forces“ geprägt war, schien sprachlich immer noch in der Welt des Krieges zu leben.

In der anschließenden Podiumsdiskussion, die vom stellvertretenden „Stern“-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges moderiert wurde, waren sich dann die Chefredakteure der Sender und Printmagazine erstaunlich schnell darüber einig, was für eine Bereicherung die Idee des „embedded journalism“ im Grunde sei, wenn man ihn mit der Sicht anderer Reportern ergänze. Nach dem Motto „Es kommt drauf an, was man daraus macht“ betonte ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann, dass der Heimatredaktion dabei eine besondere Bedeutung zukomme, da sie versuchen müsse, das ganze Bild herzustellen und auch die andere Berichterstattung zu berücksichtigen habe. Nikolaus Brender, Chefredakteur des ZDF, das keinen seiner Journalisten bei den US-Truppen im Irak einbetten ließ, war von den Berichten der „Embeddeds“ und ihrer weit gehenden Entscheidungsfreiheit so beeindruckt, dass „mich das in meiner Entscheidung sogar eher umstimmt“.

So hätten die Teilnehmer des Podiums das Bett im Schlachtfeld fast schon als gute Möglichkeit der echten Augenzeugenschaft gefeiert, wäre da nicht Christoph Maria Fröhder. Der Reporter berichtet seit den 70er Jahren für die ARD aus vielen Krisengebieten der Welt und war im Golfkrieg von 1991 anfangs der einzige europäische TV-Berichterstatter in Bagdad. Er hatte sich bei diesem Irak-Krieg nicht einbetten, sondern von den Irakis in Bagdad akkreditieren lassen und „den Krach mit unserem Aufpasser zum Prinzip gemacht“. Fröhder betonte, dass es hier nicht um die Berichterstattung aus dem Guido-Mobil oder aus einer Vereinssitzung gehe, sondern um Fragen von weit reichender Bedeutung. Die Alternative sei nicht, sich entweder mit langweiligen Pressekonferenzen aus dem Hauptquartier herumzuschlagen oder als Embedded ein Teil der Armee zu werden. Es käme statt dessen auf die Bewegungsfreiheit an, die man sich immer wieder mit Tricks erkämpfen müsse, und auf einen klaren Blick auf beide Seiten der Front. Dagegen wandte Olaf Ihlau, Auslandschef des „Spiegel“ ein, der Weg zur Front habe immer schon nur mit Hilfe der Militärs funktioniert, embedded journalists seien daher nicht neu.

Ein Beispiel für die Möglichkeit freier Berichterstattung brachte ARD-Korrespondent Arnim Stauth, der als nicht eingebetteter Reporter aus dem Südirak berichtete: „Nur weil wir nicht embedded waren, konnten wir etwa bei einem zerstörten irakischen Panzer mit dem Geigerzähler feststellen, dass er mit radioaktiver Munition abgeschossen worden war.“ Auch die Inszenierung einer Hilfsgüterlieferung von 200 Tonnen konnte Stauth nur deswegen entsprechend relativieren, weil ihm Mitarbeiter des World Food Programms (WFP) sagten, dass früher 8000 Tonnen täglich ankamen. Was die Zensur angehe, so Stauth, habe es von den Offizieren und Soldaten sowieso keinen ernsthaft interessiert, was nach Deutschland gesendet wurde. „Dazu waren wir viel zu unwichtig. Als wir den Presseoffizier fragten, ob wir Zugang zum Presseinformationszentrum in der Wüste bekommen würden, hieß es: Ihr bekommt hier so viel Zugang wie ihr Truppen in diesem Krieg habt.“

Über die Medienstrategie des US-Militärs ging es dann auch in der zweiten Podiumsdiskussion des Tages mit dem Titel „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns – Journalismus in der Patriotismus-Falle“. In einem Einstiegsreferat stellte Thomas Rid von der Stiftung Wissenschaft und Politik unter anderem die These auf, Glaubwürdigkeit sei gerade nach dem letzten Golfkrieg mit seiner Fadenkreuzoptik so wichtig, dass „Donald Rumsfeld die Journalisten nicht anlügen wird“. Darum sei es im Grunde sinnlos, dass die Medien ständig nach der Lüge wie nach der Nadel im Heuhaufen suchten. So halte er den Beschuss des Senders Al Dschasira in Bagdad, bei dem der arabische Journalist Tarek Ayoub getötet wurde, tatsächlich für einen Irrtum und nicht für Absicht. „Denn das hatte ein PR-Desaster zur Folge“, sagte Thomas Rid.

ARD-Korrespondenten wie Patricia Schlesinger (Washington) und Sabine Reifenberg (London) berichteten anschließend über den jeweiligen Patriotismus der ausländischen Medien, und wie schwierig es manchmal ist, die eigene Meinung und die der Deutschen zu erklären, wenn man in Talkshows immer wieder gefragt wird: „What’s wrong with you, Germans?“

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