EIN DEUTSCHES LEBEN : "Ich halte nichts von organisierter Tümelei"

Friedrich Nowottny wird 80, die Bundesrepublik wird 60. Ein Gespräch mit dem Journalisten über Bonner und Berliner Republiken, Überleben und Gedenken

Friedrich Nowottny
Friedrich Nowottny -Foto: dpa

Friedrich Nowottny wurde am 16. Mai 1929 im oberschlesischen Hindenburg (heute Zabrze) geboren. Nach dem Krieg fand die Familie eine neue Heimat in Westfalen. Seine journalistische Karriere startete Nowottny bei der „Freien Presse“ in Bielefeld. 1962 ging er als Hauptabteilungsleiter für Wirtschafts- und Sozialpolitik zum Saarländischen Rundfunk, dessen stellvertretender Chefredakteur er drei Jahre später wurde. 1967 Wechsel ins WDR-Fernsehstudio nach Bonn, später Studioleiter, Chef und Moderator des „Berichts aus Bonn“, den Nowottny bis zu seinem Amtsantritt 1985 als WDR-Intendant tausend Mal erstatten wird. Im Juni 1995 verabschiedet er sich vom WDR, seitdem arbeitet Nowottny als freier Journalist.

Herr Nowottny, Deutschland im Mai 2009: Wo stehen wir?

Wir suchen wieder einen neuen Anfang. Wir bemühen uns um einen Ausweg aus der Krise. Aber das neue Maß, das nötig ist, haben wir noch nicht gefunden.

Ist die Welt denn dermaßen aus den Fugen, dass wir ein neues Maß brauchen?

Wir brauchen ein neues Maß. Die Ansprüche derer, die die Gesellschaft repräsentieren, sind so gewachsen, dass sie sich weit von der Realität entfernt haben.

Michael Sommer, DGB-Chef, warnt schon mal vor sozialen Unruhen. Was halten Sie davon, ist das Brandstiftung?

Wenn ich mir die Nachrichten ansehe, dann fällt mir auf, dass zu viele auf der Suche nach dem ganz großen Aufreger zu sein scheinen. Aufmerksamkeit ist ja das höchste Gut für alle, die glauben, in der Öffentlichkeit tätig sein zu müssen. Was der Herr Sommer, und auch die Frau Schwan, gesagt haben, halte ich für so überflüssig wie einen Kropf. Die Eigeninszenierung in den Medien scheint mir das eigentliche Übel unserer Zeit.

Sie waren lange in Bonn. Was halten Sie von dem Begriff „Berliner Republik“?

Eine absurde Bezeichnung und Ausdruck großer Hilflosigkeit. Das soll wohl eine Abgrenzung zu der Politik sein, die in Bonn gemacht wurde. Aber in dieser kleinen Stadt ist immerhin all das geschehen und vorbereitet worden, was die Grundlage der Bundesrepublik von heute ist.

Wir leben also immer noch in der Bonner Republik?

Nein! Die gab es weder dem Namen nach noch als Anspruch. Wir leben in der Bundesrepublik Deutschland, so wie das im Grundgesetz vorgesehen ist.

Medien und Politik sind wie siamesische Zwillinge. Wie nah dürfen sich die beiden kommen? Und was sind sie: feindliche Brüder, liebende Schwestern?

Sie sind nahe Verwandte. Man braucht sich, aber man missachtet sich gelegentlich auch ausdrücklich und immer wieder. In Berlin erleben wir eine gewisse Hysterisierung des journalistischen Betriebes. Aber das mag daran liegen, dass in der Politik der Konkurrenzdruck erheblich gewachsen ist.

Sind sich die beiden in Berlin noch näher und vielleicht sogar zu nahe gekommen?

Die Wege der Journalisten zur Politik sind weiter geworden, das bringt schon allein Berlin mit sich. Allerdings sehe ich mit einem Lächeln, wie man im Bundeskanzleramt so etwas wie eine Journalistenbereitschaft organisiert hat, die es so früher eigentlich nur im Weißen Haus in Washington gegeben hat. Das macht die Wege dann ganz kurz. Es sind dort offenbar ständig Journalisten versammelt, die gierig auf ein erlösendes Wort unserer großartigen Kanzlerin warten. Die von der Gelegenheit auch reichlich Gebrauch macht. Und zwar ziemlich inflationär.

Unsere Kanzlerin pflegt außerdem einen wöchentlichen Videoblog im Internet. Hätten Sie einen Rat für Frau Merkel?

Nein, da muss ich passen. Ich sehe nur, dass dieser Videoblog auch in die Fernsehnachrichten einfließt. Auch das ist für mich absurd. Aber das kann an meiner möglicherweise rückständigen Betrachtungsweise des Journalismus liegen.

Was ist daran rückständig?

Frau Merkel ist inzwischen die wahre Medienkanzlerin, so wie sie überall medial vertreten ist. Das Fernsehen sollte sich sehr genau überlegen, ob es diese ganze Breite nachkochen will. Etwas aus dem Internet zu übernehmen, bedeutet, nachbearbeitete Nachrichtenpolitik zu betreiben. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Wenn Sie Hauptstadtkorrespondent würden, was würden Sie als Erstes tun?

Ich würde mir eine anständige, bezahlbare Wohnung suchen.

Und dann gleich einen Dauerplatz im „Borchardt“ abonnieren.

Überhaupt nicht. Ich treffe mich mit ein paar Freunden gelegentlich im Hinterzimmer des „Einstein“. In welchem „Café Einstein“ verrate ich Ihnen aber nicht.

Und was wird da so gemunkelt?

Wir versuchen, gedanklich Anschluss an das zu halten, was Berliner Politik heute ausmacht.

Was ärgert Sie denn an dieser Politik am meisten?

Dass jeden Tag irgendwelche Leute versuchen, uns die schwierige wirtschaftliche Situation so zu erklären, dass man nur düstere Perspektiven haben kann und überlegt, ob es nicht besser wäre, gleich in die Spree oder in meinem Fall in den Rhein zu springen. So eine ewige Düsternis hilft niemandem.

Sie kennen sich aus mit Zeiten, die schwierig waren: Wie war das mit dem Pessimismus im Jahr 1945?

Den konnten wir uns gar nicht leisten. Wir mussten einen neuen Anfang finden, beweglich sein, unangepasst und konzentriert darauf achten, dass wir nicht unter die Räder gerieten.

Sie haben sich als Schlagzeuger, als Dolmetscher bei der britischen Armee und als Telefonist bei der Post durchgeschlagen. Was konnten Sie am besten?

Am Schlagzeug war ich nicht so gut, aber es reichte, um fünf Zigaretten pro Abend zu kassieren. Die habe ich für fünf Reichsmark das Stück verkauft und mir so langsam das Geld für ein Pfund Butter ertrommelt, Preis damals 250 Mark. Als Dolmetscher war ich wohl ganz gut. Bei der Post habe ich auch als Dolmetscher gearbeitet. Da gab es eine Sprachenzulage.

Sie waren 16, als der Krieg zu Ende war. Hatten Sie so etwas wie eine Jugend?

Ich hatte eine wunderbare Kindheit. Aber eine Jugend, wie sie heute mein Enkel erlebt, war nicht möglich. Ich lag neben meinem Vater im Schützengraben, das war Teil meiner Jugend.

Waren Sie damals auch schon so ironisch veranlagt?

Überlebende sagen, ich wäre ein fröhliches Kind gewesen. Kenner der Familie wollen wissen, ich sei auch vorlaut gewesen. Die Dritten sagen, ich sei auch witzig gewesen. Ich konnte zum Beispiel die Radioübertragungen von Autorennen am Nürburgring imitieren, mit allen Motorgeräuschen.

Sie standen vor der Wahl, bei einer Versicherung anzufangen oder Journalist zu werden. Was hat Sie zum Journalismus getrieben?

Gegenüber der Kneipe, in der ich getrommelt habe, gab es ein Pressehaus. Die Zeitungen, die da entstanden, die Setzer und Drucker, die in meiner Kneipe ihr Dünnbier tranken, das alles hatte mich gepackt. Ich habe mich dann bei der „Freien Presse“ in Bielefeld beworben, bekam aber eine Absage. Der Chefredakteur sagte zu mir, du schreibst doch schon als freier Mitarbeiter für uns, mach einfach weiter so. Das hab’ ich dann gemacht.

Haben Sie die Gründung der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 überhaupt mitbekommen?

Wie die allermeisten habe ich das damals nicht registriert. Für uns war der viel wichtigere Tag der 20. Juni 1948 gewesen, der Tag, an dem die Währungsreform in Kraft trat. Das war für uns der Gründungstag der Bundesrepublik.

Vor welchem Politiker Ihrer Zeit haben Sie am meisten Respekt?

Vor den Fleißigen, von denen ich eine ganze Reihe kennenlernen durfte. Ich weiß, dass es auch Faulpelze gibt. Aber das sind Ausnahmen, die sich am Ende eigentlich immer selbst erledigen. Alle Kanzler, die ich erlebt habe, von Kiesinger bis Schröder, waren bereit, bis an ihre physischen Grenzen zu gehen. Wir hatten auch Glück mit unseren Bundespräsidenten.

60 Jahre Bundesrepublik und alles gut gegangen?

Ich würde sagen ja. Und vor allem besser als in vielen anderen Ländern. Wenn ich sehe, was bei unseren Freunden, wie wir sie heute nennen, so alles möglich ist, dann kommt man doch manchmal aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Sie sind ein klassischer Heimatvertriebener aus Oberschlesien. Bei Vertriebenen-Chefin Erika Steinbach hat man Sie aber nie gesehen. Warum nicht?

Ich halte nichts von organisierter Heimattümelei. Ich kenne viele nette Menschen, die wie ich aus Hindenburg, wo ich geboren bin, kommen. Wir schreiben uns und sind damit zufrieden. Ich lebe seit meinem 16. Lebensjahr hier im Westen in schönstem Frieden und kann die Philosophie von Frau Steinbach nicht im Geringsten nachempfinden.

Es soll ein Einheitsdenkmal auf dem Schloßplatz errichtet werden. Natürlich nicht, ohne dass sich alle gründlich zerstritten hätten. Haben Sie eine Idee?

Ich gebe zu bedenken, dass in BerlinMitte zur Erinnerung an das schlechte Gewissen der Deutschen bereits eine wahre Flut an Denkmälern aller Art entsteht und schon entstanden ist. Die zentrale Gedenkstätte an der Neuen Wache wird so entwertet. Und warum muss der Einheit unbedingt am Schloßplatz gedacht werden? Der Schlagbaum ging in der Nacht vom 9. zum 10. November zuerst an der Bornholmer Straße im Wedding hoch. Das wäre des Gedenkens wert.

Wem haben Sie am meisten zu verdanken: Ihrer Frau, Ihrer Familie, dem Fernsehen?

Meiner Familie. Denn sie hatte Geduld und Nachsicht mit mir. Ich war nicht der Mann, der unentwegt für die Familie da war. Ich war Tag und Nacht für meinen Job unterwegs.

Was wünschen Sie sich zu Ihrem 80. Geburtstag?

Das meinen Sie doch nicht ernst, oder? Dass wir uns in zehn Jahren wieder sprechen! Statistisch gesehen müsste ich schon längst unter der Erde sein. Aber das möchte ich Ihnen noch nicht antun.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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