Medien : Ein kostbarer Moment der Stille

Rüdiger Schaper

Der Geschwätzigkeitsfaktor bei diesen Olympischen Spielen ist rekordverdächtig hoch. Da können die Programmchefs den armen Waldemar Hartmann noch so lange auf der Ersatzbank schmoren lassen – Waldi hat längst zahlreiche Nachahmer gefunden. Michael Steinbrecher vom ZDF zum Beispiel. Er mag auf den ersten Blick sympathischer wirken als der bayerische Mikrofonbeißer und Wettkampfduzer. Aber das macht die Steinbrecherschen Charmeattacken auf Sportler im Studio nur noch schlimmer und hinterhältiger.

Neulich, es waren Vorläufe der Frauen über die Hürden, mussten die atemlosen, enttäuschten deutschen Athletinnen, kaum dass sie zum Stehen gekommen waren, sogleich sozialistische Selbstkritik üben. Ein Scheißjob für Fernsehjournalisten, sicher: Lungern auf dem Spielfeld, an der Zielgeraden herum, um sich mit Nullsummenfragen („Sind Sie traurig, dass Sie die Qualifikation nicht geschafft haben? War das jahrelange Training jetzt umsonst? Werden Sie erst einmal ausspannen?“ usw.) auf bedauernswerte Sportler zu stürzen. Man könnte das vielleicht einmal bei Schauspielern probieren, nach einer Aufführung des „Ödipus“, um in Griechenland zu bleiben: „Wie war es für Sie, Ihren Vater umzubringen, dann mit Ihrer Mutter zu schlafen und sich nachher die Augen auszustechen?“ Oder nach einer „Antigone“: „Wie sind Sie damit klar gekommen, dass man Sie lebendig eingemauert hat?“

Das olympische Geschwätz kennt keine Pause, keine Gnade. Doch vorgestern Abend, bei Michael Antwerpes in der ARD, war es plötzlich still. Der deutsche Turner Ronny Ziesmer, Opfer eines schrecklichen Sportunfalls, sprach. Der Junge sitzt im Rollstuhl, ist vom Hals abwärts gelähmt. Er sprach zu seinen Freunden. Er wünschte ihnen Glück für Athen und bedankte sich für ihre Unterstützung. Es war ungeheuer bewegend, was er sagte und wie er es sagte. Wie er sich Mut machte. Muss das Leben, nicht nur das olympische, erst so erbarmungslos sein, damit das Geschwätz aufhört und ein Mensch spricht?

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