Medien : "Ein Tag im September": Dokumentation über das Münchner Olympia-Attentat von 1972

Tina Angerer

"Wir waren alle naiv", sagt General Wegener und lächelt zynisch. Der spätere Gründer der GSG 9 bringt die Geschichte des Olympia-Attentats von München 1972 auf den Punkt. Deutschland wollte heiter sein, fröhlich, bunt und gut. Stattdessen war Deutschland Bühne des internationalen Terrorismus. Politik und Polizei waren überfordert, eine Fülle von Pannen kostete elf israelischen Geiseln, fünf Terroristen und einem deutschen Polizisten das Leben.

Der britische Regisseur Kevin MacDonald erzählt die Geschichte nach 28 Jahren neu. "Ein Tag im September" wurde mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. Die ARD zeigt ihn heute um 20 Uhr 15 und damit zwei Wochen vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in Sydney.

Die Geschichte des Anschlags glaubt man zu kennen. Aber noch nie wurde sie aus so vielen Perspektiven erzählt. Ankie Spitzer, Witwe des israelischen Fechttrainers André Spitzer, erzählt vom gewaltsamen Ende ihrer Ehe. Jamal Als Gashey, letzter überlebender Täter, spricht dagegen vom Beginn einer palästinensischen Bewegung. Walther Tröger, Bürgermeister des Olympischen Dorfes, und Manfred Schreiber, Münchner Polizeipräsident, beschreiben ein Deutschland ohne GSG 9. Und Zwi Zamir, damaliger Mossad-Chef, berichtet von Dilettanten, denen die Spiele wichtiger waren als die Geiseln.

Die Dramatik der Originalbilder und Zeitzeugen-Berichte reicht aus für einen Thriller. Bizarr ist der Gegenschnitt von Täter- und Opferperspektive, erschütternd das Statement von Hans-Dietrich Genscher. Der damalige Innenminister ist noch heute schockiert von dem, was er in der Conollystraße 31 gesehen hat. Die Bilder sind gnadenlos, Terror in Farbe. Meist sind nur die Gesichter der Leichen unkenntlich gemacht.

Auch in der deutschen Bearbeitung mit den Sprechern Otto Sander, Eva Mattes und Thomas Fritsch strotzt der Film von Hollywood-Produzent Arthur Cohn vor Authentizität. In vielen Ländern läuft er im Kino, in Deutschland vorerst "nur" in der ARD-Primetime. Mit seinem Showdown, seiner nostalgischen Musik und den teils pathetischen, teils hektischen Bildern hätte er Kinoleinwand und -sound vertragen. Doch die Emotionalisierung durch den Reality-Effekt funktioniert auch so: "Ich bin stolz darauf, was ich in München getan habe." sagt der Täter heute. "Vor München wusste niemand etwas über die palästinensische Bewegung, danach die ganze Welt." General Wegener würde jetzt vermutlich zynisch lächeln. Denn das stimmt.

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