Medien : „Eindeutig identifiziert“

Was die neue Stasi-Akte über Hagen Boßdorf als IM „Florian“ offenlegt

Joachim Huber,Matthias Schlegel

„Am 1.11.1988 wurde in der Zeit von 12.00 – 14.30 Uhr in der KW „Funke“ (konspirative Wohnung – d. Red.) durch unterz. Mitarbeiter die Werbung des IM-Kand. (Inoffizieller-Mitarbeiter-Kandidat – d. Red.) durchgeführt. ... Der Kandidat reagierte aufgeschlossen und bekräftigte noch einmal seine prinzipielle Bereitschaft.“ Als Stasi-Major Benndorf von der für Auslandsaufklärung zuständigen Abteilung XV der Leipziger Stasi-Bezirksstelle diese Zeilen am 8. November des gleichen Jahres in seine Maschine tippt, ist Hagen Boßdorf für die Mielke-Truppe längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Nicht nur, weil – wie bei einem IM-Vorlauf üblich – in der Personenakte sein handgeschriebener Lebenslauf, die Beurteilung des Unteroffiziers Boßdorf durch Hauptmann Gabor vom Stasi-„Wachregiment Feliks Dzierzynski“ und der Aufnahmeantrag Boßdorfs an der Leipziger Karl-Marx-Universität zusammengetragen worden waren.

Nein, der Kandidat hatte schon vorher so bereitwillig mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammengearbeitet, dass „der Gesamtverlauf der Werbung ohne Probleme vonstatten ging“, wie Benndorf schreibt. Im Stasi-Bericht über die erste Kontaktaufnahme vom 20. Januar 1988 – als Boßdorf noch unter dem IM-Vorlauf-Decknamen „Werfer“ geführt wurde – hält Major Benndorf fest, dass sich der Anwärter „klar und eindeutig mit den Hauptaufgaben des MfS identifiziert, dass es da für ihn ,keine Frage gäbe’“. Und: Der Kandidat habe Gelegenheit gehabt, an öffentlichen Auftritten „verdienstvoller Kundschafter des MfS“, z.B. des Ehepaars Guillaume, teilzunehmen, „was ihn stark beeindruckte“. So ist es wohl nur noch eine Formsache: „Nach Klärung vorgenannter Fragen schrieb der Kandidat die Verpflichtung zur Zusammenarbeit mit dem MfS, und er wählte sich den Decknamen ,Florian’“, berichtet Major Benndorf am Tag der Anwerbung.

Die jetzt erstmals als komplette IM-Akte aufgefundenen Unterlagen über Boßdorf, die dem Tagesspiegel vorliegen, fügen sich zu einem Puzzle. Nach dessen Anblick ist die Antwort des Sportjournalisten auf die Frage „Waren Sie IM?“ in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ vom Dezember 2005 nur schwer nachzuvollziehen: „Nein. Ich habe keine Verpflichtungserklärung unterschrieben, auch habe ich keine Berichte für die Stasi geliefert.“

In der Tat, die Seite hinter dem Deckblatt „Verpflichtung“ fehlt – von wem auch immer sie zu welchem Zeitpunkt entnommen worden sein mag. Doch mehrere mit Boßdorfs IM-Decknamen „Florian“ handschriftlich unterschriebene Berichte, zahlreiche von seinem Führungsoffizier verfasste Treffberichte und Abschriften von vier an Boßdorf gerichteten privaten Briefen von zwei Göttinger Studentinnen – deren Übergabe an die Stasi in den Treffberichten immer wieder erwähnt wird – legen anderes nahe.

Diese Studentinnen aus der Bundesrepublik, die der IM-Anwärter bei deren Studienreise im Mai 1988 nach Leipzig kennenlernte, sollten nach Boßdorfs Anwerbung die eigentlichen Zielpersonen für dessen Spitzeltätigkeit sein, wird ihm gesagt. Immer wieder gibt die Stasi ihrem IM genaue Anweisungen, wie er den Kontakt zu gestalten habe. „Werfer“ fertigt über die beiden Studentinnen und einen männlichen Studenten Charakterisierungen an. Darin breitet er nicht nur deren berufliche Pläne aus („Nach Abschluss des Studiums möchte sie in den Verwaltungsapparat, da sie im Journalismus keine Chance sieht, evtl. Ministerium“), sondern schreckt auch vor der Schilderung von Äußerlichkeiten nicht zurück („mittelgroß, breite Hüften, ein etwas unschönes Gebiss, aber freundlich und naiv“).

Doch auch Einschätzungen von eigenen Kommilitonen der Leipziger Journalistiksektion fallen mit ab. Am 13. Februar 1989 gibt „Florian“ zwei „Beurteilungen“ von Mitstudenten bei seinem Führungsoffizier ab. Belanglosigkeiten. Dem einen bescheinigt er , er habe mitunter „Schwierigkeiten, einer klaren Gedankenführung zu folgen“, von dem anderen schreibt er: „Seine Mitarbeit ist mehr passiv als aktiv“.

Als die Stasi ihrem IM in Aussicht stellt, seine Hochzeitsreise 1989 nach Ungarn mitzufinanzieren, streicht dieser die 1500 Forint laut handschriftlicher Quittung ein. „Florian“ liefert einen „Reisebericht“ über „meine Hochzeitsreise vom 13. bis 17. Mai“ mit Einschätzungen der politischen Lage – aber: „Es gelang mir nicht, wirksamen und intensiven Kontakt zu westlichen Bürgern herzustellen“. Als „Ursachen“ sieht er „Arroganz und fehlendes Kontaktinteresse bei Westbürgern“ und „fehlende finanzielle Mittel, um in entsprechenden Lokalen Kontakt aufzunehmen“.

Die neue Stasi-Akte zu Hagen Boßdorf wird auch in der ARD ausführlich gelesen. Sollten die Juristen des zuständigen Bayerischen Rundfunks nach intensivem Studium „einen Ansatz sehen, dass wir gegen Boßdorf vorgehen können, dann werden wir das tun“, sagte der ARD-Vorsitzende Fritz Raff am Dienstag. Der Senderverbund sieht sich vom ehemaligen Mitarbeiter „nachhaltig getäuscht“. Allerdings würde die juristische Auseinandersetzung mit IM „Florian“ nicht um des Streites willen gesucht, sondern nur bei entsprechenden Erfolgsaussichten. Nicht einfach für die ARD, weil die finanziell grundierte Auflösungsvereinbarung mit Boßdorf keine Revisionsklausel aufweist, insofern müssten die Äußerungen von Boßdorf zu seiner Stasi-Mitarbeit vor dem Aufhebungsvertrag mit seinem tatsächlichen Verhalten, wie es sich aus dem Aktenfund in Leipzig darstellt, abgeglichen werden. Springender Punkt für die ARD: Hat Boßdorf den Senderverbund nachweislich belogen?

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