Medien : Einen Schritt zu weit

Im „Polizeiruf 110“ drehen drei Macht-Männer durch

Kerstin Decker

Die Bilanz kann sich sehen lassen: drei restlos zerstörte Familien, ein fast entführtes Kind, ein vernachlässigter Ehemann, eine zur Unzeit schwangere Tochter, ein arg gestresster Polizeihauptmeister, ach ja, und eine Tote. Und drei nun wohl bald leerstehende allerschönste Villen, teilweise mit Seegrundstück! – In diesem RBB-Polizeiruf wurde an nichts gespart. Ist das sein Problem? Man sieht die Drehbuchautoren und Redakteure beinahe vor sich sitzen, wie die wiederum eine ganz normale Sonntag-Abend-Familie vor sich sitzen sehen. Nur Krimi geht nicht, vielleicht will die Ehefrau doch lieber einen Liebesfilm gucken. Liebe Zuschauer, all das werden Sie in „Gefährliches Vertrauen“ finden. Und die Schönheit Brandenburgs dazu, von den Villen mal ganz abgesehen. Aber warum sind diese Neu- oder Nicht-mehr-ganzso-neu-Brandenburger mit dem guten Häuser-Geschmack so kriminell?

RBB-Kommissarin Johanna Herz (der mütterliche Kommissarinnentyp mit einer gewissen fürchtenswerten Härte: Imogen Kogge) müsste zur Buchpremiere ihres Mannes, des Sachbuchautors, als auf der Citycenter-Großbaustelle von Mittwitz die Leiche einer Journalistin gefunden wird. Die Frau wusste zu viel. Florian Martens, Thomas Thieme und Kai Scheve spielen die drei Villenbesitzer und wirken jeder auf seine Art nicht unbegabt zur Tat. Interessant auch: Jeder traut sie dem anderen durchaus zu. Es handelt sich um den Chef der Alle-Kraft-für-Mittwitz-Partei, den Bauleiter und den Bauherrn. Dieser „Polizeiruf“ ist kein Freund des Bauwesens, und doch sind die drei Macht-Männer das Interessanteste hier: Besitz haben heißt, sich darum zu kümmern. Und vielleicht merkt man kaum, welcher Schritt der Schritt zu viel war. Und am Ende war es nicht mal der eigene? Es ist dreimal wie „Wallenstein“ im Kleinen – Mittwitz oder der Dreißigjährige Krieg, egal – am Ende liegt jeweils eine Welt in Trümmern. Wegen eines Schrittes zu viel. Im Unterschied zum „Wallenstein“ haben wir hier noch Hochzeiten, Schwangerschaften, Pubertäten und sonstige Widrigkeiten des Daseins. Polizeihauptmeister Krause (Horst Krause) hat Stress mit seiner Nichte Laura, zwölf Jahre alt, Lolita-Typ. Wer dieses Mädchen sieht, findet den Verdacht erhärtet, unsere Kinder könnten kleine Monster sein. Isolde Dychauk, ein Kobold voller Anmut und Berechnung, in ihrer ersten Fernsehrolle!

Bodo Fürneisen ist der Regisseur, eigentlich einer, der einen Film von einer Weihnachtsgans sehr gut unterscheiden kann. Im Grunde ist er sogar ein Minimalist. Fürneisens „Der Rest, der bleibt“ war 1990 der erste Film des DFF in der ARD, gefeiert von der gesamtdeutschen Kritik gerade für seine Schubladeninkompatibilität. Fürneisen hatte im Wendejahr 1990 einfach den (Liebes-)Film gemacht, den er immer machen wollte – da waren die Anwälte der televisionären Gemischtwarenläden Ost gerade weg und die neuen waren noch nicht da. Kerstin Decker

„Polizeiruf 110“, ARD, 20 Uhr 15

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