Medien : Einer wie wir

Die „Bild“-Berichte über „Kugel-Fischer“ können dem Grünen-Politiker sogar helfen

Peter Siebenmorgen

Wann immer ein Springer-Journalist über Joschka Fischer in seiner Eigenart als Menschen jenseits der Politik schreiben will, ist höchste Obacht angebracht. In den Ablagen der Verlagsjustiziare stapeln sich die von Fischer erwirkten Gerichtstitel in beachtlicher Höhe. Denn wenn sich ein Springer-Blatt in der Vergangenheit um das Privatleben des Bundesaußenministers, erst recht in seinen amourösen Aspekten, kümmerte, war sehr oft ganz schnell Schluss mit lustig. Nicht nur bestimmte Nachrichten oder Scheinnachrichten zu verbreiten, ist Springer untersagt. Erfolgreich haben sich Fischer und seine derzeit amtierende Lebenspartnerin mit rechtlichen Mitteln auch dagegen gewehrt, dass Springer bestimmte Fotos von vergleichsweise privater Natur druckt. Wenn es um ihn und seine Persönlichkeitsrechte geht, lautet Fischers Wahlspruch: Pardon wird nicht gegeben, schon gar nicht für „Bild“!

Am Donnerstag der vergangenen Woche müsste eigentlich wieder einmal die Stunde näher gerückt sein, zu der man sich vor Gericht wiedersieht. An diesem Tag eröffnete nämlich „Bild“ eine kleine Serie über die Gewichtsnöte des Außenministers: „Grüne in Sorge – Joschka zu fett für Wahlkampf“, stand halbseitenfüllend auf dem Titel, illustriert mit einem wenig gewinnenden Porträt des äußerst schwergewichtigen Außenministers. Auf der nächsten Seite das gleiche Lied: „20 Kilo zuviel! Platzt der Grünen-Wahlkampf?“ Am folgenden Freitag schafft es das Thema zwar nur auf die zweite Seite, dafür aber wiederum unübersehbar. Ein verzerrtes Bild setzt den Leibesfülligen so arg in Szene, dass selbst Rainer Calmund erschrecken würde, sähe er sich so im Spiegel. Die meisten Berliner Politik-Experten sind sich einig: eine typische Springer-Kampagne. Streit gibt es eigentlich nur noch darüber, ob man das perfide oder fies nennen muss.

Am Samstag dann die ganz große Überraschung. Kein klagendes Wehgeschrei von Fischer ist zu hören. Stattdessen schmückt der Außenminister wiederum die erste Seite Eins des Boulevard-Blatts. Diesmal ist er verschwitzt in kurzer Turnhose, mit geöffnetem Hemd und mit einer violettem Base-Cap bemützt zu sehen. „Joschka läuft sich wieder dünn! 85 Gramm Fett schon weg!“, lautet die Schlagzeile.

Eine Zufallsaufnahme ist das Bild in „Bild“ vom joggenden Fischer („Berlin, 20.25 Uhr“) wohl eher nicht, kann man in Hamburg, dem Erscheinungsort des Blatts, hören. Und aus dem Umfeld des Außenministers vernimmt man ähnliche, gar noch erstaunlichere Kunde. Rechtliche Schritte? Mitnichten! Im Grunde ist man nicht einmal unglücklich über die „Bild“-Präsentation von „Kugel-Fischer“. „Das zeigt doch nur, dass Fischer das gleiche Problem hat wie die meisten Deutschen. Er wiegt zu viel“, sagt einer, der das Ohr des Ministers hat: „Andere Bilder wären uns auch lieber, aber so sieht er nun einmal gegenwärtig aus. „Bild“ zeigt ihn, wie er zu dick ist, und dann, wie er die Mühsal einer jeden Gewichtsreduzierung auf sich nimmt. Und damit wird Fischer gewissermaßen zur Identifikationsfigur.“ Was ja nichts schaden kann. Schon gar nicht in Zeiten herannahenden Wahlkampfs.

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