Medien : Eiszeit, Wölfe, Wegwerfstädte

Tom Peuckert

verrät, was Sie nicht verpassen sollten Manchmal sind es winzige Details, die uns die Weltgeschichte anschaulich machen. Nehmen wir nur die Herstellung von Speiseeis. In Annett Gröschners Feature „Eiszeit“ ist Speiseeis der Schlüssel zur Kulturgeschichte der untergegangenen DDR. Der Vater der Autorin war einst führender Speiseeisexperte des kleinen Landes. In der häuslichen Kühltruhe lagerten die Resultate seiner Erfindungskunst. Aus der Nahdistanz biografischer Erinnerungen erzählt die Tochter von zentraler staatlicher Eiskremplanung, von Eiskrem als Waffe im Klassenkampf, von der kurzen, aber heftigen Schlacht, die sich Ost- und Westeis nach 1989 lieferten. Ein Duell, das auch das Familienleben der Autorin erschütterte (Kulturradio, 27. Juli, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

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Was wird aus Städten, denen die Bewohner abhanden kommen? In der einstigen Millionenstadt Detroit leben heute nur noch halb so viel Menschen wie 1950. In Deutschland leiden vor allem die alten Industriestandorte unter Bevölkerungsschwund: Ruhrgebietsstädte wie Essen, Zentren der ostdeutschen Kohleförderung wie Hoyerswerda. Gleich zwei Radiofeatures widmen sich dem Problem. In Annette Leos „Warten auf die Wildnis“ lernen wir einen unorthodoxen Architekturhistoriker kennen, der vorschlägt, die Leere als Luxusgut zu betrachten und entsprechend zu vermarkten (Kulturradio, 27. Juli, 19 Uhr 04). Von Problemzonen und Ghettobildung ist dagegen in Kerstin Knipps Feature „Wegwerfstädte“ die Rede. Vorgestellt wird das Projekt „Schrumpfende Städte“ , mit dem die Bundeskulturstiftung nach Lösungen sucht (Deutschlandfunk, 29. Juli, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

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Ein bisschen ist die Genetik aus den Schlagzeilen verschwunden. Vor zwei, drei Jahren sprachen alle vom Zeitalter einer neuen Medizin und raschen Siegesmeldungen. Was aus den Blütenträumen geworden ist, erkundet Kurt Darsow im Feature „Landung auf Planet Genom“ . Am konkreten Beispiel – der Entschlüsselung der molekularen Basis einer Krebsart – beschreibt er die steinigen Wege zwischen Grundlagenforschung und praktikabler medizinischer Therapie. Alles dauert länger als erträumt, die Fortschritte sind trotzdem gewaltig (Deutschlandradio Kultur, 28. Juli, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

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Lange mussten die Leser auf ein neues Buch des Schriftstellers Ingo Schulze warten. Vor sieben Jahren erschien mit „Simple Stories“ eine grandiose Prosastudie über die Nachwendezeit in der ostdeutschen Provinz. Nun wird ein neuer Roman zum selben Thema angekündigt. Auf 800 Seiten lässt Schulze in „Neue Leben“ einen fiktiven Briefeschreiber namens Enrico Türmer über die inneren und äußeren Wirren des Jahres 1989 berichten. Wer nicht bis zur Buchveröffentlichung im Herbst warten will, sollte die Sendung „Aus dem Literarischen Colloquium“ hören. Schulze liest vor und diskutiert mit Kollegen (Deutschlandfunk, 30. Juli, 20 Uhr 05, UKW 97, 7 MHz).

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In der Niederlausitz, meldeten unlängst Zeitungen, gibt es wieder eine Hand voll Wölfe. Die Sache löste Unbehagen aus, schließlich haben wir alle mit Rotkäppchen unsere Urängste erlernt. Nun stellt Autor Harald Brandt in seiner langen Nacht vom Wolf Dinge richtig. Der scheue und sensible Wolf hat nicht nur keinen Appetit auf Menschen. Er steht uns evolutionsgeschichtlich und psychologisch gesehen auch sehr nahe. „Unsere wilde Seele“ , so der Titel der Sendung. (Deutschlandfunk, 31. Juli, ab 0 Uhr 05).

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