EM-Medienkolumne "DER BALL ist eckig" : Nervige Mikrodilettanten

Die digitale Revolution ist der Motor einer grandiosen Amateurisierung. Das Webportal www.marcel-ist-reif.de, wo Amateure EM-Spiele kommentieren können, zeigt jedoch die Grenzen der Fußball-Demokratie auf.

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Zwei Generationen Reizfiguren: Geht es nach den Machern von marcel-ist-reif.de, ist die jüngere Kommentatorengeneration um Steffen Simon (links) bald ebenso Geschichte wie Heribert Faßbender (rechts).
Zwei Generationen Reizfiguren: Geht es nach den Machern von marcel-ist-reif.de, ist die jüngere Kommentatorengeneration um Steffen...Foto: dpa

So ist es heute dank des Internets: Alle machen Musik, alle machen Texte – und abgesehen davon, dass keiner mehr für irgendetwas zahlen will, sagen alle auch ständig über alles „Kann ich selber und besser“. Was auch immer die digitale Revolution sonst noch ist – sie ist auch und vor allem Motor einer grandiosen Amateurisierung.

Nun hätte man im Bereich des Fußballkommentars à la Béla Réthy oder Tom Bartels nicht gedacht, dass diese Amateurisierung noch etwas kaputt machen könnte. Jedoch: Nach einem EM-Abend mit dem jüngst gestarteten Webportal www.marcel-ist-reif.de ist man von fundamentaler Sprecherkritik zunächst geheilt.

Dabei ist das eigentlich eine nette Idee: „Fußballspiele selber kommentieren oder anderen dabei zuhören“ – unter diesem Motto kommt auf der Seite eine momentan noch kleine Gemeinde zusammen, um die „Fußballkommentatoren-Demokratie“ zu zelebrieren. Jeder kann selbst zum Kommentator werden. Wer selbst nicht aktiv werden will, kann auf der Seite einen Audio-Livestream auswählen und sich von Menschen mit Pseudonymen wie „Berti_Furz“ oder „Petermaffya“ als Ersatz für den TV-Kommentar kommentieren lassen. Das funktioniert technisch erstaunlich gut - und auch ideell hängen die Macher ihre originelle Idee denkbar hoch: "Endlich" sollen "Ecken und Kanten" und "mehr Fußballverstand" Einzug ins Kommentatorenwesen erhalten, heißt es da etwas großspurig in einem "Manifest" auf der Seite.

Was man hier hören muss, lässt jedoch am Sinn dieser „Demokratisierung“ zweifeln: Umstandskrämerisch, eitel und ohne jedes Gespür für Sprache und Spannung - so wird (noch?) auf den meisten Kanälen dahergebrabbelt - gerne auch in einer absurden Mundart. Schnell sind Muster erkennbar – und Fehler ausgemacht, die die Profis eben nicht machen: Zweikämpfe im Mittelfeld bedenken die Amateurkommentatoren gern mit tinitusfördernden Aufschreien. Kommt es zu wirklich brenzligen Torszenen, schweigen sie meist – ergriffen vom Geschehen.

An Floskeln stehen die Amateure den Profis dabei in nichts nach: „Da sind möglicherweise einfach die Mittel beschränkt“ – der Satz, mit dem etwa „Petermaffya“ am Dienstag die griechischen Angriffsbemühungen gegen Tschechien Mal um Mal bedachte, traf auch auf ihn selbst zu.

Merke also: Kritisieren ist gar nicht schwer, es besser machen doch gar sehr. In diesem Sinn wäre es nicht nur für die professionellen TV-Kommentatoren schön, wenn www.marcel-ist-reif.de just diese Erkenntnis reifen ließe.

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