Medien : Ente mit Biss

Die Wochenzeitung „Le Canard enchaîné“ ist groß beim Aufdecken von Skandalen in Frankreich.

Christophe Zerpka

Wir befinden uns im Jahre 2008 nach Christus. Die gesamte gallische Presse wird von Großindustriellen beherrscht … Ohne Ausnahme? Nein! Eine kleine Mannschaft unbeugsamer Journalisten hält mit ihrem achtseitigen Wochenblatt das Banner der Pressefreiheit hoch.

Das Gebäude in der Rue St. Honoré im Pariser Börsenviertel fällt nicht besonders ins Auge. Die Redaktion liegt im ersten Stock des Hinterhauses. „Le Canard enchaîné – journal satirique“: Vorsicht, hier wird seit über 90 Jahren eine Zeitung gemacht, die trotz ihres satirischen Charakters knallharten investigativen Journalismus betreibt. Kleine und große Skandale werden aufgedeckt, und in der Regierung, den Ministerien, ja selbst im Geheimdienst sitzen ganz offensichtlich „ehrenamtliche“ Mitarbeiter, die dem „Canard“ Informationen zukommen lassen, die man sonst nirgendwo lesen kann. Das Blatt fühlt sich seit seiner Gründung im Ersten Weltkrieg mehr denn je der Pressefreiheit verpflichtet.

Und um die ist es in Frankreich schlecht bestellt. Seit Jahren sinken die Auflagen der traditionellen Tagespresse, der große Ausverkauf ist in vollem Gange. Die Totengräber der traditionellen französischen Presse sind das Internet und die vor allem in der Hauptstadt verbreiteten Gratiszeitungen.

Während sich die seriöse Presse größtenteils mit braver Hofberichterstattung abgibt, sind Staatspräsident Nikolas Sarkozy und seine Umgebung für den satirischen „Canard“ ein dankbares Thema. Denn dieser Präsident ist in seinem Auftreten und Selbstverständnis so skandalträchtig wie kaum einer seiner Vorgänger. Als dann Ende 2007 die Sängerin Carla Bruni zur „Première Dame de France“ wurde, bekam sie auf Seite 1 ihre (fiktive) Dauerkolumne, das Tagebuch der Carla B. Auf Seite 2 kann man häufig die (natürlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmten) Wutausbrüche des Präsidenten nachlesen.

Die Zukunft des traditionsreichen „journal satirique“ ist gesichert. Wer das Glück hat, beim „Canard“ zu arbeiten, genießt neben einer einzigartigen redaktionellen Unabhängigkeit ein Gehalt, wie es sonst in französischen Blättern kaum bezahlt wird. Jedes Jahr kann der Leser in der letzten Augustnummer die Bilanz des Vorjahres nachlesen. Dort wurde für das Jahr 2007 ein Reingewinn von 6 236 473 Euro ausgewiesen. Merci Sarkozy!

Mittwoch ist „Canard“-Tag, mehr als 400 000 Exemplare des in Rot und Schwarz gedruckten Blattes werden für jeweils 1,20 Euro verkauft. In der Metro wie im Parlament sind die Stammleser unübersehbar. Und es sind keine Enten, die da aufgetischt werden, sondern gute Recherche, die sich nicht selten auf Informanten stützt, die an sensibelsten Stellen von Politik und Wirtschaft sitzen. Die Zeitung reagiert allergischer als die seriösen Blätter auf alle Versuche, die Veröffentlichung brisanter Dokumente zu kriminalisieren.

„Der ,Canard’ sagt ganz laut, was andere ganz leise denken“, heißt eine Werbung aus den 20er Jahren. Man sieht sich als journalistisches Vorbild, als Blatt, das unparteiisch und unbestechlich seiner Informationspflicht nachkommt. In diesem Zusammenhang hieß es dazu schon 1975: „Hoch lebe der Journalismus: Wenn so viele Leser seit Jahren aufgehört haben, irgendeine Zeitung zu lesen, so deshalb, weil sie die Presse zu sehr als arme Verwandte behandelt hat, ohne auf das oft leidenschaftliche Bedürfnis nach Information einzugehen.“ 30 Jahre später hat dieses Zitat eine beängstigende Aktualität. Chefredakteur Claude Angeli sieht das Problem darin, dass immer häufiger von Personen und Prozenten die Rede ist, während Ideen und Parteiprogramme kaum mehr erwähnt werden. Das Erfolgsrezept des Blattes ist eine Mischung aus guter Recherche, geistreichen Wortspielen und nicht zuletzt genialen Karikaturen.

Auch in Frankreich hätte der „Canard“ keine Chance, würde er heute lanciert. Bis die rentable Auflage ohne Werbeeinnahmen erreicht ist, wäre er längst pleite. Die 92-jährige Ente ist aber längst Teil der französischen Gesellschaft, sie profitiert – geflügeltes Wort – von der Gnade der frühen Geburt. Solche Vögel können uralt werden. Christophe Zerpka

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