Medien : Es geschah am helllichten Tag

Beeindruckender Film über den Kindermörder Jürgen Bartsch

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In den Jahren von 1962 bis 1966 entführte, missbrauchte und tötete der Metzgergehilfe Jürgen Bartsch im Ruhrgebiet vier halbwüchsige Jungen. Bei seinem ersten Mord war er 15 Jahre alt und 19, als man ihn fasste. Kai S. Pieck zeigt in seinem bemerkenswerten Regiedebüt das Porträt dieses Mannes als beklemmende Reise ins Dunkel.

Der adoptierte Jürgen Bartsch wächst unterdrückt und isoliert in einem autoritären, spießigen Elternhaus auf. Der Vater lebt allein für die Metzgerei, die Mutter schlägt und verhätschelt den Sohn zugleich. Es folgen Jahre der Angst in einem katholischen Internat, ersteMissbrauchserfahrungen, die Entdeckung seiner Homosexualität. Der Junge wünscht sich, nie erwachsen zu werden, sein „Leben lang kurze Hosen zu tragen“.

Sebastian Urzendowsky spielt den jungen Jürgen Bartsch. In den Szenen, in denen er seine Opfer in eine Höhle lockt, um sie zu töten und zu zerteilen, mischen sich Wut, Hilflosigkeit und Entsetzen über sich selbst.

Eingefasst werden diese Rückblicke in eine fiktive Therapiesitzung, während der der 26jährige Bartsch (Tobias Schenke) Auskunft über sein Leben gibt. Die Monologe entstammen Briefen, die der verurteilte Mörder aus dem Gefängnis an seinen Psychiater Paul Moor schickte, der daraus nach dessen Tod das Buch „The Child I Never Was“ machte. Aus der geschlossenen Anstalt heraus nahm Bartsch Kontakt zu einer Brieffreundin auf, die er sogar heiratete. Er beantragte schließlich eine Kastration und starb 1976 29-jährig auf dem Operationstisch im Landeskrankenhaus Eikelborn an den Folgen eines Narkosefehlers.

Für die Montagetechnik des Films, die zum Teil sprunghafte schwarzweiße Videoaufnahmen und weitwinklige Spielszenen verbindet, bekam Cutter Ingo Ehrlich den Deutschen Kamerapreis 2003. Auch wenn dieses Porträt eines Triebtäters nicht an Karmarkars „Totmacher“ mit Götz George heranreicht, ist doch ein bezwingendes Psychogramm entstanden, das auf Moralisieren verzichtet. sis

„Ein Leben lang kurze Hosen tragen“: ARD, 23 Uhr

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