Eskalation in der Ukraine : "Tagesschau" zeigt Bilder der umstrittenen Pressekonferenz

Auf einer Pressekonferenz in der Ostukraine wurden die gefangenen ausländischen Militärbeobachter präsentiert. Die "Tagesschau" hat das mit O-Tönen gezeigt, das "heute-journal" nicht.

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Die "Tagesschau" am Sonntagabend.
Die "Tagesschau" am Sonntagabend.Screenshot: Tsp

Sonntagabend in der „Tagesschau“. Bericht aus Slawjansk, Ostukraine. Ein vermummter, mit Maschinengewehr bewaffneter Miliz marschiert vorneweg zur Pressekonferenz, auf der die gefangen genommen ausländischen Militärbeaobachter vom selbst ernannten Bürgermeister der Stadt präsentiert werden. Bundeswehroberst Axel Schneider kommt ins Bild, etwas verschüchtert drein blickend, mit O-Tönen zum Gesundheitszustand der Gefangenen. Er zeigt sich dankbar und bezeichnet sich selbst als Gast des Bürgermeisters.

Ein seltsames Spektakel, dass den Zuschauer des ZDF-„heute-journal“ später am Abend vorenthalten wird. Begründung aus dem Off: Man wolle die Würde der Opfer nicht verletzen, da man auch nicht wisse, ob die Entführten zu der Pressekonferenz vor etwa 60 Journalisten gewungen wurden.

Offenbar wurde die Situation von ARD und ZDF unterschiedlich eingeschätzt. Auf der „Pressekonferenz“ haben die festgesetzten Beobachter über ihren Zustand, ihre Behandlung und ihre ursprünglichen Aufgaben in der Gegend berichtetet, sagt Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD aktuell. „Der Sprecher der Beobachter äußerte sich professionell und ist deutlich um Deeskalation bemüht. Auch dies ist ein Dokument, und unter gewissen Bedingungen ist es mit journalistisch-ethischen Grundsätzen vereinbar, Ausschnitte aus der Vorführung zu senden.“ Wobei selbstverständlich eine Einordnung der ARD-Korrespondenten erfolge, und ganz deutlich gemacht werde, dass diese Veranstaltung unter ungeklärten Voraussetzungen abläuft, so Gniffke weiter. „ Dabei achten wir darauf, dass der Sprecher, Oberst Schneider, nicht in einer herabwürdigenden Nahaufnahme gezeigt wird. Wir können mit diesem Vorgehen unserem Informationsanspruch gerecht werden, ohne eine rote Linie zu überschreiten.“

Ähnlich sieht das RTL. „Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass das offene Zeigen der Geiseln im Kontext mit dem außerstaatlichen Handeln der sogenannten ,Pro Russischen Separatisten’ diskussionswürdig ist“, sagt RTL-Sprecher Matthias Bolhoefer. Man habe sich dennoch dafür entschieden, die Bilder im Rahmen von „ RTL Aktuell“ zu zeigen. „Ausschlaggebend war, dass wir die Aussage der Bilder als stärker entlarvend für die Täter erachteten und nicht als entwürdigend für die Opfer.“ Die Aussagen der Geiseln wären jeweils so gewählt worden, dass sie eine reine Situationsbeschreibung darstellen und nicht die Forderungen der Geiselnehmer transportieren.

Diese rote Linie hat das ZDF offenbar anders gezogen. Auf heute.de findet sich eine Anmerkung der Redaktion: "Aus der Ukraine gibt es heute Bilder von den festgehaltenen OSZE-Beobachtern bei einem Presseevent mit dem Bürgermeister von Slawijansk. Wir berichten darüber bildlich und inhaltlich, verzichten aber auf die Verwendung von wörtlichen Zitaten und Statements im Bild, da wir nicht prüfen können, wie freiwillig oder unfreiwillig diese Äußerungen zustande kamen. Die Beobachtermission wurde mit Waffengewalt in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Deshalb gibt es Zweifel an der informationellen Selbstbestimmung der Beobachter. Nach dem deutschen Pressekodex sollen Medien diese Selbstbestimmung, sowie die Ehre und Würde von Personen schützen, die sich in solch einer Extremsituation befinden."

Schutz der Menschenwürde?

Ganz einheitlich war die Meinung dazu beim Mainzer Sender allerdings nicht. "Es gab am Sonntagmittag Gespräche über den Umgang mit diesen Bildern, an denen neben mir auch Kollegen der Chefredaktion, der Nachrichtensendungen und des Studios Moskau beteiligt waren", sagt Elmar Theveßen, Leiter ZDF Hauptredaktion Aktuelles. "Solche Entscheidungen beziehen sich immer auf den Einzelfall und werden auch im Hinblick auf die ethischen und rechtlichen Rahmenbedingungen unserer Berichterstattung gefällt, zum.Beispiel Grundgesetz, Rundfunkstaatsvertrag zum Schutz der Menschenwürde, Pressekodex und sogar die Genfer Abkommen III und IV."

Diese Regelwerke ließen Spielräume. "In der Vergangenheit sind wir auch schon mal zu anderen Schlüssen gekommen", so Theveßen weiter. "Im Fall der Wallert-Entführung gab es damals sogar eine öffentliche Diskussion, bei der das ZDF und andere Medien zu der Schlussfolgerung gelangten, dass es einer ganz besonderen Zurückhaltung bei der Verwendung von Geiseläußerungen und -bildern bedarf. Es gab gestern auch differenzierte Ansichten, die wir am Ende in dieser Entscheidung zusammengeführt haben." Das ZDF würde sie in diesem konkreten Fall genauso wieder treffen.

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