Event-TV : Nicht alle Sender konnten mithalten

Die Rettung der chilenischen Bergarbeiter – nicht jeder Sender ist dem Ereignis gerecht geworden.

Christian Helten
Anna Hohns in der Atacama-Wüste.
Anna Hohns in der Atacama-Wüste.Foto: n-tv

Die Ersten werden die Letzten sein – auch bei der Fernseh-Berichterstattung über die Rettung der verschütteten Bergleute in Chile behielt diese biblische Weisheit ihre Gültigkeit. n-tv machte den Anfang, der Nachrichtenkanal brachte schon am Dienstag vor Mitternacht eine Sondersendung – viele Stunden, bevor die Rettung der Bergleute begann. Ein Notfallmediziner wurde zu den Risiken der Rettung befragt, ein Psychologe zu eventuellen Problemen danach, Korrespondent Ulrich Oppold berichtete aus der Atacama-Wüste – leider in so schlechter Tonqualität, dass nur die Hälfte zu verstehen war. Dann, als die Bergungsaktion am Mittwoch um kurz vor fünf Uhr morgens in die heiße Phase ging – nichts.

n-tv war nicht mehr live auf Sendung, erst später wieder, nachdem der erste Minenarbeiter geborgen war und der spannendste Moment der Nacht somit vorbei. Solange lief ein Film über den Panama-Kanal, nur in der linken unteren Ecke war ein Fenster mit Bildern aus Chile eingeblendet. Der Nachrichtensender überließ der Konkurrenz von N24 das Feld. Die zeigte die Bergung als einziger deutscher Sender von Anfang an: wie der erste Retter unter Applaus in die Tiefe gelassen wurde, wie er unten von den Minenarbeitern mit Umarmungen empfangen wurde. Immerhin, das spätere Live-Programm von n-tv, das bis zum Ende der Rettungsaktion laufen soll, bot ein breites Spektrum an Interviews und interessanten Livebildern.

Beide privaten Nachrichtensender sahen im Vergleich mit CNN oder BBC allerdings eher schlecht aus. Diese hatten gleichzeitig mehrere Reporterteams vor Ort, die mitten aus dem Geschehen berichteten und vor allem immer präzise erklären konnten, was gerade passierte.

ARD und ZDF klinkten sich am Mittwoch um 5 Uhr mit dem gemeinsamen „Morgenmagazin“ ein. Gutes Timing: Zehn Minuten später erreichte der erste Kumpel die Oberfläche. Die erste Live-Schaltung zum Korrespondenten Michael Stocks ging zwar schief, Moderatorin Anna Planken kämpfte mit Hustenanfällen, und ihr Kollege Sven Lorig tat sich manchmal schwer mit dem richtigen Tonfall für die Ereignisse, die doch anders waren als sonst im Frühstücksfernsehen: ein Einstieg mit Live-Bildern, rückblickende Beiträge, ein Gespräch mit einem Bochumer Ingenieur, der die im Studio drapierte Dahlbusch-Bombe erklärte, das deutsche Vorbild für die Rettungskapsel in Chile.

Dann die Bergung des ersten Geretteten in Chile. Auf N24 sprach der Studio-Moderator aus dem Off noch mit Helmut Nold, einem Psychologen, der die ganze Sendung über eingebunden wurde. Er redete fundiert, leider oft nicht über das, was gerade zu sehen war und der Zuschauer gerne erklärt bekommen hätte. Das „Morgenmagazin“ vermied diese Text-Bild-Scheren, auch weil hier mehr mit Live-Aufsagern und Beiträgen gearbeitet wurde. Im weiteren Tagesverlauf fiel auf, dass die ARD sich mit der Berichterstattung zum Wunder von Chile ziemlich zurückhielt. Während das Zweite „ZDF spezial“-Ausgaben über den Tag verteilte, sah man im Ersten nur Berichte im „Mittagsmagazin“ und in der „Tagesschau“, keine Sondersendungen.

Im Laufe dieses Fernsehtages wurde viel darüber spekuliert, wie es weitergehen wird mit dem Medienansturm auf die Geretteten. Buchverträge, Exklusivinterviews, all das könnte es bald geben, auch wenn auf allen TV-Sendern die Psychologen vor dem Medienrummel warnten. Auf N24 war zu hören, die 33 Kumpel hätten einen Pakt geschlossen: Einnahmen aus Interviews und Ähnlichem sollen in eine Art Gemeinschaftskasse fließen. Eventuell hat da auch schon Johannes B. Kerner eingezahlt. Für seine Sendung heute Abend um 22 Uhr 50 ist jedenfalls ein Beitrag der „Kerner“-Reporter angekündigt, die „vor Ort in Chile“ waren und die Ehefrau eines verschütteten Minenarbeiters vor und bei der Rettung ihres Mannes begleitet haben.Christian Helten

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