Medien : Expedition Ost

Im kommenden Monat berichtet das deutsche Fernsehen in unzähligen Sendungen über die EU-Beitrittsländer

Christian Hönicke

Europathemen, beklagte der Fernsehjournalist Dieter Kronzucker einst, hätten einfach keine Chance. Wenn er sie anböte, würden in den Redaktionen immer nur die Köpfe geschüttelt. Bestimmend sei die Innenpolitik, für die EU interessiere sich kein Mensch.

„Es ist sicher nicht das Thema, das die Leute am meisten erregt“, bestätigt RTL-Chefredakteur Hans Mahr. „Die wollen eher wissen, was mit ihren Arbeitsplätzen, dem Gesundheitssystem oder dem Wetter ist.“ Da überrascht es kaum, dass das deutsche Fernsehen sein Publikum in der Vergangenheit vergleichsweise verhalten auf die bevorstehende EU-Erweiterung am 1. Mai eingestimmt hat. In den letzten zwanzig Monaten gab es auf allen Kanälen laut dem Institut Medien Tenor rund 1400 Berichte, in denen eines der zehn Beitrittsländer erwähnt wurde: Das macht im Schnitt ein Beitrag in elf Stunden. Westeuropäer hätten eben ein stark ausgeprägtes Desinteresse, ja eine Abneigung gegenüber Osteuropa, sagt Kronzucker. „Die meisten Westdeutschen waren ja noch nicht einmal in Ostdeutschland.“

Diejenigen, die sich dennoch über die neuen Länder informieren wollten, waren bislang bei den ARD-„Tagesthemen“ und der Deutschen Welle am besten aufgehoben. Wenig überraschend nahmen dabei unsere Nachbarländer Polen und Tschechien die meiste Sendezeit ein – von Malta oder Rumänien sah man dagegen bis heute nicht besonders viel.

Das wird sich ändern, zumindest vorübergehend. An der ungeliebten Rubrik Europa kommt in der nächsten Zeit kaum ein Sender vorbei. Viele neue Systeme gilt es zu erklären, Bräuche und Menschen wollen verstanden werden. Kurz vor dem großen Tag schwärmen Dutzende von Reportern aus, um jeden Winkel der zehn neuen Länder auszuleuchten.

Klar, dass die europäische Koproduktion Arte mit gleich 15 Euro-Themenabenden vom 20. April bis Mitte Juli in dieser Hinsicht ordentlich vorlegt. Besonders engagiert ist aber auch das ZDF. Es hat sich selbst zum „Europasender“ ernannt und berichtet schon seit Beginn des von ihm ausgerufenen „Europajahres“ umfangreich. Vor allem wird gern gereist im Zweiten: Mal vom Mittelmeer bis an die Ostsee, dann wieder folgte man dem Bug, der als neuer EU-Grenzfluss Polen von der Ukraine trennt, ein anderes Mal reist man entlang der Donau von Ost nach West („Mittagsmagazin“, 26. bis 30. April) und schließlich grast Marietta Slomka von Montag an für das „heute journal“ fünf ausgewählte Länder ab, um ihre Wirtschaftspotenz zu bewerten. Ab und zu sind auch ungewöhnliche Trips dabei: Ab 1. Mai fährt ein Reporterteam in „ZDF-Reporter“ mit einem alten VW-Bus über die Grenzen, um den freien Handel zu testen. „Darf man finnisches Rentierfleisch wirklich problemlos in Slowenien versetzen?“, heißt es in der Vorankündigung. Den vorläufigen Höhepunkt erreicht die ZDF-Berichterstattung am 30. April mit der international ausgestrahlten Gala „Willkommen Europa“ (22 Uhr 15) aus dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin.

„Was Ungewöhnliches“ will die ARD mit der „Nacht der Neuen“ (30. April, 22 Uhr 15) entgegensetzen: Information statt Unterhaltung, mit Liveschaltungen in die einzelnen Länder sowie Politpromis wie Helmut Kohl und Zeitzeugen, die ihr Stück europäischer Geschichte erzählen. Guido Knopp meets Grand Prix de la Chanson sozusagen. Außerdem berichtet Gerd Ruge in seiner Reihe „Unterwegs“ (ab 2. Mai) für die ARD von seinen Trips durch die neuen Länder.

Auch RTL nimmt sich der „Herausforderung“ EU-Erweiterung an, wie Chefredakteur Hans Mahr sie nennt. „Wir flüchten nicht vor diesen schweren Themen, wir haben als Marktführer die Verpflichtung, darüber zu berichten“, sagt er. Ein bisschen peppig sollte es aber schon sein. Konkret sieht das dann so aus: Anchorman Peter Kloeppel wird die Nachrichtensendung „RTL Aktuell“ vom 26. April an jeden Tag von einem anderen Land aus moderieren. Damit soll aber noch nicht Schluss sein. Kloeppel: „Wir werden uns nicht nur in diesen fünf Tagen vor der EU-Erweiterung darum kümmern, sondern auch danach. Wir wollen sehen, was bringen uns die neuen Länder mit, wie können sie von uns profitieren?“

Ähnliches hört man von ARD und ZDF. Das Zweite flankiert die Europawahl im Juni mit Sondersendungen, selbst die Übertragung der Fußball-Europameisterschaft wird in diesen Kontext gestellt. „Das Thema wird sich auch in Zukunft aufdrängen, das können wir nicht mehr ignorieren“, sagt Chefredakteur Nikolaus Brender. Man müsse es nur einbinden, „eine Rubrik ,Europa‘ schreckt ab“. Die Zuschauer seien überall dort bewegt, wo emotionale Interessen oder Ängste bestehen. ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann spricht vom „persönlichen Bezug“ als wichtige Komponente bei der Themenauswahl. „Und der ist bei den zehn Ländern nach dem Beitritt sicher gestiegen“, sagt von der Tann. „Unsere Aufmerksamkeit ist bei Ländern, die zur EU gehören, einfach größer.“ Das für Südosteuropa zuständige Studio Wien der ARD hat bereits Ende des vergangenen Jahres einen neuen Mitarbeiter bekommen.

Allein, an all diese Ankündigungen mag Dieter Kronzucker nicht so recht glauben. „Ich denke nicht, dass es Europathemen nach dem 1. Mai einfacher haben werden.“ Kronzucker vermutet eher eine Art Pflichtbewusstsein bei den Sendern, über die EU-Erweiterung zu berichten, je näher der Tag rücke. Immerhin bescherte ihm das dann doch noch einen Sendeplatz: Auf Sat 1 läuft seine Reihe „Europas Neue Grenze“ noch bis zum 2. Mai jeden Sonntag – um 5 Uhr 55 morgens.

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