Fälschung : Syrische Bloggerin ist 40 und trägt Bart

Ein Langzeitstudent in Edinburgh und eine gefakte, syrische Bloggerin: Zur heiklen Rolle sozialer Medien in Zeiten von staatlichen Nachrichtensperren.

von
Tom MacMaster
Tom MacMasterFoto: AFP

Die Welt hing an ihren Tasten. Wochenlang galt die lesbische Bloggerin aus Syrien in Zeitungen, Fernsehen und Internet als Kronzeugin der brutalen Unterdrückung des Assad-Regimes gegen seine Bürger. Geboren wurde die unerschrockene 35-jährige Amina Abdallah Araf al Omari nach eigenen Angaben als Tochter einer amerikanischen Mutter und eines syrischen Vaters im beschaulichen Virginia. Von ihrem Zimmer aus habe sie die Einspänner und Pferdeställe der Alt-Mennoniten sehen können, schrieb sie über ihre Kindertage. Die Frommen nebenan habe sie wegen der einfachen Kleider zunächst für Muslime gehalten, „für unsere eigenen Leute“.

Als junge Frau zog die syrisch-amerikanische Doppelstaatsbürgerin angeblich in den Nahen Osten, wo sie ein ruhiges Leben als Englischlehrerin führte. Im Februar ging sie mit ihrem Blog „A Gay Girl in Damascus“ online, plauderte über ihr Liebesleben sowie ihre Sehnsucht, den Sturz des Baath-Regimes mitzuerleben. „Heute oder morgen mag der letzte Tag sein für mich – oder der erste eines neuen Syriens. Ben Ali ist weg, Mubarak ist weg, Saleh soll angeblich auch weg sein. Assad hat nicht viel länger und ich bereite mich vor, ihn gehen zu sehen“, lasen ihre Online-Fans noch vor einer Woche.

Inzwischen ist klar, die mutige Bloggerin ist ein Digital-Gespenst, die Erfindung eines 40 Jahre alten, verheirateten, bärtigen amerikanischen Langzeitstudenten, der im schottischen Edinburgh an seinem Examen bastelt. Anfang der Woche gestand Tom MacMaster den Betrug ein. Vor vier Jahren hatte er Arafs Autobiografie zum ersten Mal ins Netz gestellt – eine lesbische Frau zwischen Orient und Okzident, die intensiv in Chatrooms mitmischte. Im Februar formte er sie dann per Blog um zur arabischen Aktivistin im Kampf für Freiheit und Demokratie – mit atemberaubenden Erlebnissen, dramatischen Gefühlen, erotischer Lyrik und einem couragierten Vater, mit dem sich jeder Leser identifizieren konnte.

Der ganze Schwindel flog auf, als die angebliche Cousine Rania Ismail detailliert von der Verhaftung Amiras berichtete und damit die Medien rund um die Welt in Alarm versetzte. Bald darauf stellte sich heraus, dass ihr Foto von der Facebook-Seite einer in London lebenden Kroatin geklaut war. Die IP-Adresse ihres Computers, eine Art virtuelle Postleitzahl, deutete nicht nach Damaskus, sondern nach Edinburgh in Schottland. Die Suche der US-Behörden nach ihren Eltern in Virginia endete im Nichts. Und langjährige Web-Freundinnen räumten plötzlich ein, dass sie stets nur per E-Mail und niemals persönlich Kontakt hatten.

Dabei wäre das arabische Internet-Geschöpf längst in den digitalen Müllhalden des World Wide Web verschwunden, wäre es nicht so genau auf westliche Orientklischees vom arabischen Frühling zugeschnitten gewesen: Eine junge Demokratin, die selbstbewusst in einer männerdominierten Gesellschaft mitmischt. Eine Lesbe, die der muslimischen Kultur trotzt. Eine moderne Araberin, die sich fließend in Englisch verständigen kann. „Wir wollen alle Aspekte unserer Gesellschaften revolutionieren, nicht nur wie unsere Staaten regiert werden, auch die Rolle der Frauen, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und das Recht, zu heiraten, wen wir lieben“, gab die vermeintliche Amina Araf als virtuelles Credo aus.

Der Betrug wirft Fragen auf zur Rolle der sozialen Medien – Blogs, Tweets oder Facebook, die in Zeiten staatlicher Nachrichtenblockaden zu Standardquellen der Berichterstattung werden können. Seit drei Monaten dürfen in Syrien keine ausländischen Journalisten einreisen. Nach außen dringen einzig die Staatspropaganda sowie ein Rinnsal von Amateurvideos zusammen mit Angaben von Augenzeugen. So kann ein anonymer Twitterer zu Syrien genauso in New York oder Moskau sitzen wie in Aleppo oder Beirut. Fälscher Tom MacMaster scheint verstanden zu haben, welchen Schaden er angerichtet hat: „Ich habe die Aufmerksamkeit der Welt abgelenkt von wichtigen Anliegen tatsächlicher Menschen an tatsächlichen Orten. Ich habe dazu beigetragen, den Lügen des Regimes zu mehr Glaubwürdigkeit zu verhelfen. Dafür entschuldige ich mich“. Martin Gehlen, Kairo

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