Fälschungen im Journalismus : ''Einen Fake hat man exklusiv''

Der gefälschte Zeuge in der Sendung "Polylux" ist nur ein weiterer Fall in der langen Geschichte von Medien-Fakes. Benjamin Denes hat sich in seiner Magisterarbeit "Fälschungen im Journalismus" beschäftigt. Ein Interview

Achim Fehrenbach
Benjamin Denes
Benjamin Denes. -Foto: Promo

Ihr Lieblings-Fake der Mediengeschichte?



Besonders beeindruckend finde ich den Fall von Janet Cooke, die als sehr junge Journalistin den Pulitzer-Preis für eine Reportage in der "Washington Post" bekam. Für "Jimmy's World", einen Text über einen achtjährigen, heroinabhängigen Jungen. Wer diese Reportage schon einmal gelesen hat, merkt, dass sie sprachlich sehr gut ist. Sie ist aber zum größten Teil erfunden.

Im Fernsehbereich besonders gut dokumentiert ist der Fall des "Stern TV"-Fälschers Michael Born. Der hat in einem Buch einige seiner Fälschungen beschrieben. Seine Filme kann man sich zum Teil bis heute im Internet oder auf DVD anschauen. Das ist auf eine Art und Weise auch sehr unterhaltsam.

Aus welchen Motiven heraus werden Fakes inszeniert?

Zum einen aus der Eitelkeit der Autoren heraus. Ich sage immer: "Einen Fake hat man exklusiv." Kein anderer kann über etwas berichten, was man erfunden hat. Für exklusive Geschichten gab es schon immer Ruhm.

Es kann aber auch die Eitelkeit einer ganzen Redaktion sein, die eine an sich wahre Geschichte mit unglaublichen Bildern, Tönen oder Statements aufwerten möchte.

Welche Art von Fakes sind besonders erfolgreich?

Wenn Sie erfolgreich definieren als Beiträge, die nicht öffentlich enttarnt werden, dann sind es die kleinen schmutzigen Fouls am Journalismus. Ein Beispiel: Wenn ein Journalist ein Interview auf Englisch führt, dann übersetzt er die Antworten des Interview-Partners, muss diese in aller Regel aber auch kürzen. Was dabei alles passiert, kann man ganz schwer nachvollziehen. Das wissen im Prinzip nur die beiden Menschen, die beim Interview im Raum saßen.

Ganz erfolgreich sind auch manipulierte Zahlen. Journalisten sollen Statistiken vereinfachen. Sie sollen nicht sagen: "11,573 Prozent", sondern: "Über zehn oder unter zwölf Prozent". Und das kann Ausmaße erreichen, die den Wirklichkeitsbezug verändern. Der Zuschauer oder Leser bekommt davon nichts mit.

Beispiele?

Das vielleicht krasseste Beispiel ist das so genannte Massaker von Temesvar. Nach dem Sturz des Ceausescu-Regimes in Rumänien gab es Befürchtungen, dass es ein Massaker an Securitate-Mitarbeitern bevorsteht. Nach dem Dezember 1989 kursierten ganz unterschiedliche Zahlen: Manche sagten, mehr als 4000 Menschen seien in Temesvar ermordet worden, andere sprachen von 60.000 bis 70.000 Menschen. In Wirklichkeit waren es einige Dutzend Todesopfer in Temesvar und 700 Tote in ganz Rumänien. Trotzdem sieht man bis heute in Talk-Shows Menschen, die sich auf das "Massaker von Temesvar" beziehen.

Wie können Medien verhindern, dass sie Opfer von Fakes werden?

Hier muss man zwei Dinge unterscheiden: Die hausgemachten Geschichten, bei denen Mitarbeiter der eigenen Redaktion unsauber arbeiten, und Geschichten, die von außen herangetragen werden. Mit denen Spaßvögel oder Kunstfälscher versuchen, eine ganze Redaktion aufs Glatteis zu führen.

Bei letzterem Fall helfen die klassischen journalistischen Grundregeln: Ein Doppel-Check der Quelle, eine gesunde Portion Skepsis und die Bereitschaft, eine brisante Information zu demaskieren. Wenn es um Kollegen geht - wenn also innerhalb einer Redaktion ein professioneller Journalist vorsätzlich fälscht - ist es wesentlich schwieriger, das zu enttarnen. Das sehen wir allein schon daran, dass selbst bei seriösen Medien immer wieder Fälschungen vorgekommen sind: Bei der New York Times, der Washington Post, beim Spiegel oder bei der ARD.

Empfehlenswert, aber auch sehr teuer sind so genannte Fact Checker: Eigene Redakteure, die - zumindest in größeren Redaktionen - die Wahrhaftigkeit der Beiträge überprüfen, bevor sie gesendet werden.

Hat in den vergangenen Jahren die Bereitschaft zur Fälschung zugenommen?

Seit es den Journalismus gibt, gab es auch immer wieder Fälschungen. Es gab aber Zeiten, in denen diese zugenommen haben, vor allem durch technische und handwerkliche Innovationen.

Ganz zu Beginn des Journalismus' gab es das Interview als Darstellungsform noch nicht. Der Autor Daniel J. Boorstin sagt, dass allein mit der Erfindung des Interviews die Zahl der Fälschungen gestiegen ist. Dann auch durch die Technologie: Durch die Fotografie, die Bildbearbeitung mit Photoshop und die Darstellung von virtuellen Elementen im Fernsehen. Dass man Dinge animieren und montieren kann, macht Fälschungen zumindest leichter.

Ob es deshalb in den letzten Jahren tatsächlich auch mehr Fälschungen gab, kann ich seriös nicht beurteilen. Das müsste ich mit Zahlen belegen - ansonsten fälsche ich selbst.

Welche Rolle spielt das Internet?

Das Internet hat in zweierlei Hinsicht eine große Bedeutung für dieses Thema. Zum einen werden in Weblogs, Podcasts und auf ganz normalen Web-Sites die Internetnutzer, die keine Journalisten sind, zu Plattformen: Sie können Fälschungen selbst verbreiten, sie können sie aber auch enttarnen. Eine der beliebtesten Web-Sites in Deutschland ist bildblog.de, wo Medienjournalisten, aber auch viele engagierte Nutzer sich mit Fälschungen vor allem bei der Bildzeitung beschäftigen und diese enttarnen. Deswegen gibt es eine größere Sensibilität für dieses Thema. Das könnte auch zu dem Eindruck beitragen, es gebe heute mehr Fälschungen. Ich glaube: Journalisten, die heutzutage fälschen, laufen viel eher Gefahr, enttarnt zu werden.

Was bringen Aktionen wie die des Kommandos "Tito von Hardenberg"?

Solche Aktionen bringen natürlich öffentliches Interesse für das Thema "Fälschungen im Journalismus". Den Fall Polylux würde ich aber nicht als klassische Fälschung im obigen Sinne sehen. Hier sind Kollegen einfach getäuscht worden. Das ist dann schon eher eine Frage der Entstehungsgeschichte eines solchen Beitrags. Ich kann bei dem Beitrag nicht den Vorsatz der Autorin oder der Redaktion erkennen, selbst etwas zu verfälschen.

Was war der spektakulärste Fall in letzter Zeit?

Ein Fall, bei dem auch sehr viele seriöse Redaktionen nicht gut aussahen, ist ungefähr zwei Wochen alt. Die Nachrichtenagentur AFP übermittelte eine Entscheidung des Europäischen Parlaments falsch, wonach in Zukunft bei ARD und ZDF alle Spielfilme nur noch in der Originalsprache und mit Untertiteln laufen sollen. Es folgte gleich eine betroffene Debatte darüber, was mit den ganzen Synchronsprechern passieren solle und wie man das überhaupt den Zuschauern zumuten könne. Es handelte sich aber lediglich um eine falsche Übersetzung einer EU-Entscheidung. Die allerwenigsten Journalisten haben bei der EU-Pressestelle nachgefragt.

Benjamin Denes, freier Journalist
Jahrgang 1975, Absolvent der ems, Hörfunk- und Fernsehjournalist beim rbb. Benjamin Denes hat bei Fritz als Redakteur und Moderator gearbeitet, bei Inforadio als Reporter. Mittlerweile arbeitet er als Autor für das rbb-Fernsehmagazin WAS! und als Projektbetreuer und Trainer an der electronic media school. Mit seiner eigenen Firma faktenfiktion bietet er MA-Aktionen, Thementage und andere kreative Lösungen an. Denes' Magisterarbeit "Fälschungen im Journalismus" erscheint Anfang Mai im VDM-Verlag.

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