Fern der Propaganda : Volksmärchenbuch der Ostdeutschen

Eine Ausstellung in Leipzig widmet sich dem legendären DDR-Comic „Mosaik“.

von
Mit den Kobolden Dig, Dag und Digedag aus dem Comic „Mosaik“ reisten die Kinder in der DDR gedanklich um die Welt. Foto: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Mit den Kobolden Dig, Dag und Digedag aus dem Comic „Mosaik“ reisten die Kinder in der DDR gedanklich um die Welt. Foto: Stiftung...

Mit „Mosaik“ und den drei Kobolden Dig, Dag und Digedag sind Ostdeutsche ins Weltall, den Orient und italienische Stadtrepubliken gereist. Sie waren im Amerika des Bürgerkriegs und im Alten Rom. Das „Mosaik“ war ein Alphabetisierungsmedium, mit dem zwei ostdeutsche Generationen lesen und sehen lernen konnten. Sternenweit war das Comicmagazin von den anderen üblichen Propagandaschlachten der DDR entfernt. 660 000 Exemplare wurden von „Mosaik“ monatlich gedruckt – und fast sämtliche verkauft. Uwe Tellkamp nennt das Comicheft das „Buch meiner Kindheit“, Christoph Dieckmann spricht vom „Volksmärchenbuch der Ostdeutschen“, einem „Baedeker ihrer kindlichen Träume“.

Nun widmet das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig den Digedags eine wunderbare Ausstellung mit unveröffentlichten Originalen, Modellen und vielen Informationen zum politischen Umfeld.

Als der 1925 geborene Karikaturist Johannes Hegenbarth im Frühjahr 1955 seine Idee einer „farbenfrohen Bilderfolge“ präsentierte, standen die Zeichen denkbar schlecht. Als hätten 1933 keine Bücher gebrannt, landeten Comics als „Schund und Schmutz“ in den 50ern auf neuen Scheiterhaufen – und zwar von Aachen bis Ost-Berlin.

Dass Hegenbarth sein Projekt durchbrachte, lag am Bedürfnis der DDR-Kulturgewaltigen, der westlichen „Hetze“ ein eigenes, möglichst reinliches Produkt entgegenzusetzen. Das nun war „Mosaik“ gerade nicht. Statt didaktischer Illustration von Politbüro-Weisungen gab es Schiffbrüche, entgleisende Züge und Aztekenschätze. Und es gab exotische Botschaften aus Venedig oder New Orleans. Politisch brisant waren jedoch weniger versteckte Anspielungen, die unter die Rubrik „unfreiwillig systemstabilisierende Kritik“ fallen dürften. Das wahre Politikum bestand im halbwegs politikfreien Raum, den das „Mosaik“ inmitten des durchpolitisierten DDR-Alltags eröffnete.

Zwischen 1955 und 1975 hat Hannes Hegen, wie sich Hegenbarth nun nannte, mit bis zu zwölf Zeichnern, Textern und Koloristen insgesamt 223 Hefte hergestellt. Da eine genuin sozialistische Zeichentradition – bis auf den volkstümlichen Wilhelm Busch – kaum zur Verfügung stand, kamen Inspirationen von Disney-Filmen oder Karl May.

Warum das „Mosaik“ ganz unübliche Narrenfreiheiten besaß, zeigt ein Blick auf die Verlagsstatistik. Während eine Ausgabe der „Frösi“, einer stromlinienförmigen Kinderzeitschrift, 1961 ganze 1,2 Pfennig Gewinn machte, brachte das „Mosaik“ 20,8 Pfennig ein. Kein Wunder, dass die notorisch devisenklamme DDR versuchte, das Erfolgsprodukt in den Westen zu exportieren. Doch neben Underground-Comics von Robert Crumb oder Politthrillern Enki Bilals hatten die vergleichsweise biederen Digedags nie eine Chance.

Als die drei Helden 1975 recht unvermittelt ihren Abschied nahmen und auf Kamelen in eine Fata Morgana hineinritten, brodelte im Osten die Gerüchteküche: In den Westen sei Hegen gegangen oder gar gestorben. Tatsache ist, dass sich Zeichner und Verlag nicht mehr über Erscheinungsfrequenz und Heftumfang einigen konnten. Da sein Team auch ohne den Chef weiterzumachen versprach, nahm man die Kündigung des unbequemen Hegen gern an. Der hatte prophylaktisch bereits 1959 das Cover einer „letzten Ausgabe“ gezeichnet – für den Fall, dass ihm die Eigenständigkeit beschnitten würde.

Dass das Kulturforum Leipzig dem „Mosaik“ nun eine Ausstellung widmet, ist zum einen ermutigend für das noch immer unterschätzte Bild-Text-Medium Comic. Zum anderen wird einmal mehr eine Asymmetrie des Vereinigungsprozesses sichtbar: Während die meisten Ostdeutschen die politische und Alltagskultur der Bundesrepublik durchbuchstabiert haben, gilt das umgekehrt nicht. Kaum einer kennt die Digedags – oder ihre Nachkommen. Seit 1976 nämlich reisen die Abrafaxe im „Mosaik“ durch Raum und Zeit.

Was den Anhängern der reinen Digedag-Lehre als neumodischer Teufelskram gilt, hat heute bereits eine viel längere Tradition. Natürlich haben die Abrafaxe die Wende überlebt. Natürlich besitzen sie eine riesige Fangemeinde. Natürlich nur im Osten.

„Dig, Dag, Digedag. DDR-Comic ,Mosaik’“, Zeitgeschichtliches Forum Leipzig, bis 13. Mai

1 Kommentar

Neuester Kommentar