Medien : Fern wie Marsmenschen

Was es heißt, Jude in Deutschland zu sein. Ben Becker monologisiert als Emanuel Goldfarb in der ARD

Joachim Huber

Ein Monolog, 93 Minuten lang. Emanuel Goldfarb spricht ihn. Er, der von sich sagt, er sei mit seinem Projekt, dass aus einem ganz gewöhnlichen Juden ein ganz gewöhnlicher Jude werde, gescheitert. Der Journalist von vielleicht 45 Jahren hat vom Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Hamburg einen Brief weitergereicht bekommen. Oberstudienrat Gebhardt bittet darum, dass ein „Mitglied Ihrer Religionsgemeinschaft“ in seine achte Klasse, Fach Sozialkunde, komme. Die Schüler sollen vom Zeitzeugen erfahren, wie es ist, ein Jude in Deutschland zu sein. Goldfarb ist sauer, ja böse. Soll er wie ein Museumsgegenstand ausgestellt werden? Und dann dieser höfliche, fast unterwürfige Ton in dem Brief. Goldfarb will dem „Gutmenschen“ Gebhardt eine scharfe Absage schreiben. Schreiben geht so langsam, da greift er zu seinem Diktiergerät. Oberstudienrat Gebhardt soll beides erfahren: wie es ist, Gebhardt zu sein, wie es ist, Goldfarb zu sein. Wie quälend, wie unnormal, wie deutsch-jüdisch diese Beziehung ist.

Ben Becker spielt Goldfarb, sein Diktiergerät ist Gebhardt, Schauplatz des Dialoges im Monolog ist Goldfarbs Wohnung. Den Strom der Wörter aus Erfahrung und Empörung, aus Reflexion und Durchforstung der eigenen wie der Vergangenheit der anderen hat Charles Lewinsky aufgeschrieben. Ein literarischer Text, ein ins Reine geschliffener Kunsttext, behutsam inszeniert von Oliver Hirschbiegel. Hirschbiegel war der Regisseur des Hitler’schen „Untergangs“ und war der Regisseur des intellektuellen Thrillers „Das Urteil“. Damals, 1997, stritten Klaus Löwitsch und Matthias Habich kantenscharf um deutsche Vergangenheit in deutscher Gegenwart, um Wahrheit und Moral. Von solcher Klasse, solcher Intelligenz ist der Film „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ nicht.

Emanuel Goldfarb alias Ben Becker. Ein Mensch in seiner Wohnung, ein Jude in seiner Nussschale, nicht eben eine nervenzerfetzende Situation. Da kann nicht viel passieren, also muss Becker wieder und wieder durch die Wohnung hetzen, Brille auf, Brille ab, Schubladen auf, Kartons zu, Espresso, Zigarette, Rotwein, Cognac, klar, das hektische Hantieren in einer begrenzten Topografie der Räume illustriert die fieberhafte Anspannung.

Die kleinen Aktionen und Bewegungen sollen die Handlungspartitur des Monologfilms absichern, der noch dazu in Echtzeit abläuft. Geduld hat der Film nicht, vielleicht hat er Angst, dass der Zuschauer auch keine Geduld hat. Solist Becker verzichtet auf Kraftmeierei in seiner Figur. Der heiseren Stimme zum Trotz wird er leiser und leiser. Goldfarb ist eine Denkkapsel, die unter enormem Druck steht. Becker schafft es gerade so, dass er den Text bringt, als wären ihm die Sätze gerade und nicht dem Autor vor Wochen eingefallen. Große Leistung von Ben Becker, weil Lewinsky zum Kommuniqué neigt.

Die Kamera von Carl-Friedrich Koschnick notiert das Geschehen, beinahe bekommt sie den dokumentarischen Blick. Mit Abstand wird beobachtet, was Goldfarb treibt und umtreibt; die Motorik des Protagonisten ist nicht die Motorik der Kamera. Der Journalist dekonstruiert die Situation der Juden in diesem Land, und er rekonstruiert sein Leben, seine gescheiterte Ehe. Die Liebe zwischen einem Juden und einer Katholikin, die von sich annehmen, sie hätten sich in einen tragbaren Zwischenzustand hinein säkularisiert. In eine dritte Welt, wo das Deutsch-Jüdische funktioniert.

Lewinskys Drehbuch ist schnell, auch schrill, es hat Witz. Wie Goldfarb die Wörter aus dem Mund schießen, so platzt der Text schier ob seiner Habe-ich-auch- nichts-weggelassen-Enzyklopädie. Das Leben eines Juden in Deutschland in einem Schnelldurchlauf. Eine Situation, so typisch wie irgend möglich. In seinen schwachen Momenten läuft das weg vom Menschen Goldfarb und endet in einer Generalabrechnung: Wer verhält sich wie in einem Land, in dem kaum mehr als 60 Jahre seit dem Holocaust vergangen sind. Die Lea-Rosh-Haltung wird von Goldfarb verdammt, dabei: Welche andere Haltung als die philosemitische, demonstrativ und verkrampft, ist wirklich denkbar? Alles andere wäre unehrlich. Die Juden sind den Deutschen so fern, so fremd wie den Juden die Marsmenschen.

Henryk M. Broder hat zur Kinopremiere im Januar 2006 über „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ geurteilt: „Freunde des Bagels und der Klezmer-Musik, frohlocket! Oliver Hirschbiegels neuer Film präsentiert den Juden, wie der Philosemit ihn liebt: innerlich zerrissen, mit seinem Judentum hadernd, in der Tiefe seines verwundeten Herzens aber gutmütig und kooperativ. Hat hier jemand Kitsch gesagt?“ Ich finde, Henryk M. Broder sollte dem Film „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ einen zweiten Blick gönnen. Weiter als Oberstudienrat Gebhardt sind die Deutschen in Deutschland noch nicht. Emanuel Goldfarb sagt: „Also gut.“

„Ein ganz gewöhnlicher Jude“, ARD, 20 Uhr 15

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