Fernsehen : Bei Köpckes unterm Sofa

23 Jahre Dreh für 48 Stunden Film: Neue Episoden der Langzeitdokumentation "Berlin – Ecke Bundesplatz".

Lea Hampel
Koepcke
Ulli und Niels Köpcke heute. -Foto: WDR

Sieht man die neuen Filme der Langzeitdokumentation „Berlin – Ecke Bundesplatz“, ist es schwer vorstellbar, dass beim Start der Reihe vor 23 Jahren kein Casting stattfand. Als hätten sie den perfekten Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft gesucht, haben die Regisseure Hans-Georg Ullrich und Detlef Gumm unter ihren 22 Hauptpersonen eine Einwandererfamilie, ein schwules Paar, eine alleinerziehende Mutter, eine uralte Dame und einen ehrgeizigen Rechtsanwalt. Sie alle lebten und leben rund um den Bundesplatz in Berlin-Wilmersdorf und werden seit 1986 von Gumm und Ullrich dabei beobachtet.

Die Langzeit-Dokumentation ist mehr als Mikrokosmos, sie ist ein Mosaik bundesrepublikanischer Gesellschaft und Geschichte – die Wende findet sich genauso wieder wie Bundestagswahlen und die Einführung der Homoehe. Doch vor einem „soziologischen Background“ haben die Regisseure ihre Protagonisten nicht ausgewählt, sagt Ullrich. Das habe sich „zufällig ergeben“. Und doch ist er heute, nach fast 40 Filmen und über 48 Stunden sendefertigem Material, manchmal selbst erstaunt, wie sehr die Episoden deutsche Wirklichkeit widerspiegeln.

Das wird auch heute Abend wieder zu sehen sein. 3sat sendet den ersten der fünf neuen Filme der Reihe. „Mütter und Töchter“ zeigt, wie in einer Familie Generation um Generation das gleiche Schicksal zuschlägt: Die Frauen der Familie werden, alle und mit erschreckender Vorhersehbarkeit, alleinerziehend und arbeitslos. Wie auch die anderen neuen Filme, „Der Yilmaz-Clan“, „Die Köpcke-Bande“, „Die Aussteiger“ und „Schön ist die Jugend ...“ zeichnet sich „Mütter und Töchter“ dadurch aus, dass Ullrich und Gumm im Wortsinne Dokumentarfilmer sind: Sie lassen die Menschen, wie sie sind. Im Off gibt es nur wenige erläuternde Sätze, mal liegt etwas Klaviermusik darunter, die Bilder halten Momente der Stille aus, brauchen keine Effekte und überlassen dem spannendsten Regisseur die Bühne – dem Leben.

Und so sehen die Zuschauer Trennungen und Todesfälle, verliebte und wütende, glückliche und hoffnungslose Menschen. Frisuren und Figuren ändern sich. Das ist vor allem deshalb spannend, weil die Geschichten nicht nur repräsentativ sind, sondern wie vielleicht die Zuschauer selbst: Auch in deren Familienalben werden die großen alten Hornbrillen, die eckigen Familienkutschen, die Leggings und die 90er-Jahre-Möbel zu sehen sein. Und dass Pläne und Realität auseinanderdriften, ist kein exklusives Prädikat der Bundesplatz-Bewohner.

Wenn Sabrina aus „Mütter und Töchter“ verzweifelt Arbeit sucht, wenn Maria von der „Köpcke-Bande“ ungeplant Mutter wird, wenn  „Die Aussteiger“ Reimar und Hans Lebenspartner werden: Ullrich und Gumm liegt besonders am Herzen, ihren Protagonisten mit Respekt zu begegnen. Sie lassen auch mal Szenen weg, die spannend für die Zuschauer wären. „Weniger als beim Drehen muss ich am Schneidetisch entscheiden, was ich dem Publikum zeige. Ich will niemanden demaskieren“, erläutert Ullrich.

Wahrscheinlich liegt es an dieser Arbeitsweise, dass Ullrich und Gumm mit einigen Protagonisten befreundet sind. Sie gehen gemeinsam essen, schreiben sich Urlaubskarten. Und etwa 30-mal im Jahr sehen sie sich zum Dreh. „Manche der Menschen sehe ich häufiger als gute Freunde“, erzählt Ullrich. Einer der schönsten Momente war für ihn, als er von Maria, einer der Töchter der „Köpcke-Bande“, eine SMS aus ihrem neuen Wohnort Utrecht bekam: „Ihr seid ein Teil meiner Heimat.“ Das hat Ullrich sich abgeschrieben und an die Pinnwand gehängt, direkt neben die Bilder von seiner Tochter und seiner Frau.

Ausgestiegen ist bis jetzt niemand. Manchmal ruft sogar einer der Bundesplatz-Bewohner an und sagt: „Ich habe einen neuen Job. Ist das was für euch?“ Geht es nach Ullrich und Gumm, werden auch in den nächsten Jahren neue Filme am und um den Bundesplatz entstehen. Ein Ende wie vergangenes Jahr bei der wesentlich längeren DDR-Doku „Die Kinder von Golzow“ (1961–2008) möchte Ullrich sich nicht ausmalen. Er hat sich bereits einen Schwerpunkt für kommende Filme überlegt: „Zu sehen, wie eine Alleinerziehende oder ein Rechtsanwalt, der keine Klienten mehr hat, in der Wirtschaftsrkise klarkommen, finde ich sehr spannend.“

Spannend wird für Ullrich und Gumm auch die Finanzierung, die bei den „Kindern von Golzow“ immer mehr zum Problem geworden war. Noch ist nichts unterschrieben mit Sendern wie 3sat und WDR, aber Regisseur Ullrich hofft, dass die „Qualität der neuen Folgen das beschleunigt“.

„Berlin – Ecke Bundesplatz“, 3sat: heute, 23 Uhr; 8. Juli, 22 Uhr 25; 14. Juli, 22 Uhr 15; 15. Juli, 22 Uhr 55; 21. Juli, 23 Uhr; Wiederholungen: WDR-Fernsehen: ab 4. August, um 23 Uhr 35; RBB: ab 6. August, um 22 Uhr 50

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