Fernsehen : Mutter Courages Söhne

Ein anderer Vertriebenen-Film: Es ist eine unglaubliche Familiengeschichte, die der Dokumentarfilmer Volker Koepp für seinen außergewöhnlichen Film "Söhne" rekonstruiert hat.

Christina Tilmann

Fünf Männer braucht es, um eine dicke Esskastanie zu umspannen. Also stehen die fünf vergnügten Rentner im hohen Gras und schaffen es gerade, den Baum zu umfangen: „Einer weniger, und wir wären nicht rumgekommen.“ Es hätte leicht einer weniger sein können in dieser Familie, die durch die Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit so auseinandergerissen wurde. So viele Zufälle – und am Ende stehen sie doch alle zusammen im Schlosspark von Celbau, westlich von Danzig. „Ein unvergesslicher Moment.“

Es ist eine unglaubliche Familiengeschichte, die der Dokumentarfilmer Volker Koepp 2007 für seinen außergewöhnlichen Film „Söhne“ rekonstruiert hat. Im Januar 1945 flüchtet Elisabeth Paetzoldt mit ihren beiden älteren Söhnen von Celbau aus nach Westen, die beiden jüngeren bleiben mit den Großeltern zurück. Im Sommer 1945 fährt sie heimlich zurück, um die beiden nachzuholen – und findet sie nicht mehr. Die Großeltern sind tot, die Jungs verschollen. Den älteren, Friedrich, entdeckt sie in einem Waisenhaus in Zoppot, doch die Ziehmutter denunziert die Deutsche und taucht mit dem Jungen unter. Dafür meint Elisabeth, kaum aus dem polnischen Gefängnis freigekommen, in einem Jungen in Danzig Rainer, den jüngsten, wiederzuerkennen. Nach langen Prozessen bekommt sie ihn zugesprochen und nimmt ihn mit nach Deutschland. Jahre später stellt sich heraus: Es war der falsche Junge.

Da stehen sie nun, fünf höchst sympatische Männer um die siebzig, die sich Brüder nennen und doch so andere Leben leben. Dass sie es geschafft haben, die leidvolle Familiengeschichte ohne Bitterkeit zu überstehen, ist fast das größte Wunder dieses wunderbaren Films. Die Nähe, die Vertrautheit zwischen diesen Männern scheint tatsächlich über Nationalgrenzen und Blutsverwandtschaft zu siegen. Da wird Rainer, der falsche Sohn, der als der echte galt, bis er 15 war, selbstverständlich als Bruder akzeptiert, und auch die Entscheidung von Friedrich, der seinen polnischen Namen Stanislaw Loskiewicz behalten hat und bei der Ziehmutter in Warschau blieb, wird respektiert. Rainer, der echte, der als Erwachsener nach Deutschland übersiedelte, nennt sich immer noch Jerzy, mit seinem polnischen Namen – auch, um sich von seinem „Bruder“, dem anderen Rainer, abzugrenzen.

Viel ist von Sehnsucht die Rede in diesem Film. Und passend hat Kameramann Thomas Plenert dazu die weiten Panoramen der Ostsee und des Bodensees, der Heidelberger Hügel und der Alleen im früheren Westpreußen gefilmt, wie lange Momente zum Atemholen. Mit diesem Film hat Koepp die Klammer zwischen seinen beiden Leidenschaften, den polnischen Landschaften und den deutschen Geschichten, gefunden. Eine Vertriebenengeschichte mit gutem Ausgang, mit Neugier aufeinander, die bis in die nächste Generation weiterwirkt: Auch die Kinder, die polnischen und die deutschen, machen sich ihre Gedanken über die Rolle der Väter, spekulieren über Großeltern und Motive.

Die Verliererin der Geschichte, auch das wird deutlich und verleiht der familiären Harmonie den bitteren Unterton, ist Elisabeth, die Mutter. Sie hat sich ihr Leben lang vorgeworfen, die jüngeren Söhne im Stich gelassen zu haben, und hat die Suche nach ihnen zu ihrem Lebensziel gemacht. Materielle Not, verlorene Heimat, körperliche Beschädigung durch die Zeit im polnischen Gefängnis, all dies hat diese Frau durchlitten. Die Söhne wissen darum und konnten die Distanz, die seit der Kindheit besteht, doch nie mehr überwinden. Außer durch ihren Zusammenhalt untereinander. Christina Tilmann

„Söhne“, 22 Uhr 45, ARD

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