Fernsehen : Was ist das ZDF?

Dieter Thomas Heck und "Heidi" sind wichtig. Aber auch Polit-Netzwerke. Die haben gerade wieder zugeschlagen. Jetzt ist Peter Frey neuer Chef.

Bernd Gäbler
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Foto: ZDF

WARUM GIBT ES DEN SENDER?



Die regionalen ARD-Anstalten waren Kinder der Alliierten, das ZDF ist ein Produkt der jungen Bundesrepublik. Schon in die Geburtsurkunde waren die noch heute wirksamen Widersprüche eingeschrieben: bundesweit, zentral und an den nationalen Belangen orientiert sollte das Programm sein – tatsächlich ist das ZDF aber der Sender der Länder. „Zwischen zwei inhaltlich verschiedenen Programmen“, so heißt es ausdrücklich im ZDF-Staatsvertrag von 1961, „sollen die Fernsehteilnehmer der Bundesrepublik wählen können“.

Aber der Sender war von Beginn an stark auf Unterhaltung ausgerichtet. Die Demokratie musste man ihm erst einbläuen. Nur durch das „erste Fernsehurteil“ des Bundesverfassungsgerichts vom 28. Februar 1961 kam es überhaupt zur ZDF-Gründung; sonst hätte es ein schönes neues Regierungsfernsehen gegeben. Das wollte Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU), dem die ARD zu regierungskritisch war. „Staatsfreiheit“ sei der Kern der Stellung des Rundfunks im Verfassungsgefüge der Bundesrepublik, belehrte ihn Karlsruhe. Er wollte die Rolle des Bundes im Rundfunk stärken, zunächst eine „Bundesfernsehanstalt“ per Gesetz erzwingen, dann eine privatwirtschaftliche „Deutschland-Fernseh- GmbH“ gründen. Erst nach dem Karlsruher Urteil übernahmen die Ministerpräsidenten die Federführung für die Gründung einer zweiten öffentlich-rechtlichen Anstalt. So konnte das neue „Zweite Deutsche Fernsehen“ am 1. April 1963 von Frankfurt am Main aus auf Sendung gehen – natürlich mit einer Ansprache des Intendanten Karl Holzamer. Den hatte übrigens schon Adenauer für seine „Bundesfernsehanstalt“ als Chef vorgesehen. Erst später zog der Sender auf den Lerchenberg in Mainz, von wo aus heute noch gesendet wird.

WOFÜR STEHT DER SENDER?

Vielleicht ist das ZDF ja nicht nur ein Kind der Bundesrepublik, sondern mit seinen Widersprüchen, der Bürokratie, den Mainzelmännchen, den Spießigkeiten und der Überalterung auch ein kleines Abbild der Bundesrepublik.

„Lockerer“, bunter, vielfältiger als die etwas strenge ARD sollte alles sein. Die „heute“-Sendung war als unterhaltsame Alternative zur ARD-„Tagesschau“ gedacht. Hier kam es am 12. Mai 1971 erstmals zu der Ungeheuerlichkeit, dass eine Frau, Wibke Bruhns, sie präsentierte.

Ende der sechziger Jahre war Gerhard Löwenthals „ZDF-Magazin“ bewusst als Kontrapunkt zu den als „Rotfunk“-Magazine bezeichneten Sendungen „Panorama“ und „Monitor“ konzipiert worden. Mehr noch aber prägten Eduard Zimmermann mit der leicht gruseligen Fahndungs-Sendung „Aktenzeichen XY“, Dieter Thomas Heck als jugendlich-krächzender Verkünder der „Hitparade“, der später wegen seines unsittlichen Lebenswandels geschasste Lou van Burg mit dem „Goldenen Schuss“, Vicco Torriani, Wim Thoelke, Peter Alexander oder Peter Frankenfeld mit „Vergissmeinnicht“ das bunte Show- und Musik-Programm. 4,74 Euro bekommt das ZDF für all das von der Rundfunk-Gebühr.

Aber auch Kindersendungen wie „Biene Maja“ und „Heidi“ oder Serien wie „Flipper“, „Daktari“, „Die Waltons“ und „Denver Clan“ gehören zum Programm. Die kaufte das ZDF dem Medienunternehmer Leo Kirch ab, ebenso die hochwertig produzierten Konzert-Aufzeichnungen mit Herbert von Karajan. Hajo Friedrichs zeigte, wie man auch aus Sport eine Show („Das aktuelle Sportstudio“) machen konnte und „Derrick“ wurde das weltweit am besten verkaufte Krimi-Format.

Enge Polit-Netzwerke prägten den nationalen Sender. Die Ministerpräsidenten Helmut Kohl (CDU), Johannes Rau (SPD), Edmund Stoiber (CSU) und Kurt Beck (SPD) waren auf dem Lerchenberg stets sehr engagiert.Fast immer waren bis zu 90 Prozent des Fernsehrats nach Parteiproporz besetzt. Nur einmal gab es bisher in dem kleineren ZDF-Verwaltungsrat eine Mehrheit gegen die Konservativen – das war 1998 nach dem rot-grünen Wahlsieg. Damals wurde der nun durch eben jenen Verwaltungsrat geschasste Nikolaus Brender zum Chefredakteur ernannt. Wie eng die Verzahnung von Politik und Journalismus im ZDF ist, zeigen auch einige Personalien. Der zweite Intendant, der Diplomat Karl-Günther von Hase, war fünf Jahre lang Regierungssprecher gewesen. Markus Schächter, der heutige Intendant, war kurzzeitig Sprecher des rheinland-pfälzischen Kultusministeriums; der heutige Verwaltungsdirektor Hans Joachim Suchan leitete unter Hans Eichel (SPD) die hessische Staatskanzlei; Friedhelm Ost brachte es vom ZDF-Wirtschaftsjournalisten zum Regierungssprecher und CDU-Bundestagsabgeordneten. Martin Schmuck berichtete zunächst für das ZDF aus Nordrhein- Westfalen unter anderem über den dortigen Ministerpräsidenten Peer Steinbrück (SPD), dessen Sprecher er später wurde; der heutige Phoenix-Geschäftsführer Christoph Minhoff startete seine journalistische Karriere bei der CSU-Postille „Bayernkurier“, um über den Bayerischen Rundfunk ZDF-Korrespondent für Bayern zu werden; Reinhard Grindel wechselte vom ZDF-Studio in Brüssel in die CDU-Fraktion des Bundestags.

WAS KANN DER NEUE CHEFREDAKTEUR PETER FREY VERÄNDERN?

Zuschauer und Kritiker werden Peter Frey nach der Causa Brender mit Recht genau auf die Finger sehen. Im Sommer- Interview mit Linken-Chef Oskar Lafontaine hat er bewiesen, dass er bissig sein kann, mit Kurt Beck dagegen hat er in einem Moselwein-Stübchen gekuschelt. Wichtiger noch als das eigene kraftvoll unabhängige Agieren ist es aber, neue Formate zu erfinden, die auch jüngere Zuschauer an Politik heranführen. Das muss nicht nur ein Show-Spiel wie „Ich kann Kanzler“, das das ZDF im Sommer sendete, sein. Man stelle sich einmal vor, das ZDF hätte die Kraft gehabt, vor der vergangenen Bundestagswahl Afghanistan selbstständig und investigativ zum Thema zu machen. Vielleicht sogar mit dem Rechercheergebnis, das es jetzt, nach der Wahl, gab: einem Ministerrücktritt und viele offene Fragen im Fall Kundus. Ob Peter Frey das könnte? Er ist sicher ein redlicher Journalist, aber eben auch gründlich ZDF-sozialisiert.

Formal betrachtet ist ein ZDF-Chefredakteur sehr mächtig. In anderen Sendern ist der Chefredakteur dem Programmdirektor untergeordnet. Im ZDF, das insgesamt 2200 Angestellte hat, ist er gleichberechtigt für die Bereiche Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Wissenschaft und Sport zuständig. Wer als zweite Wahl, wie Peter Frey, zum Zug gekommen ist, kann gut die Erwartungen übertreffen.

WIE GEFESTIGT IST SCHÄCHTER?

Seine erste Wahl im März 2002 war eine Farce. Zwischen der Ankündigung Stoltes, nicht wieder zu kandidieren, bis zur Wahl Schächters verstrich ein volles Jahr. Die einflussreichen Männer in den Hinterzimmern wussten einfach nicht, was sie mit dem ZDF wollten. Die vorgezogene Wiederwahl bis 2012 wurde dann zum Triumph: Schächter erreichte das beste Intendanten-Ergebnis in der Geschichte des ZDF. Jetzt haben ihn die Konservativen, für die der CDU-Ministerpräsident Roland Koch nur den Exponenten spielte, demonstrativ auflaufen lassen. Der Intendant musste zu Brender als Chefredakteur stehen, um nicht von vornherein als „Umfaller“ vor politischem Druck zu gelten. Das hätte er seinem Sender nicht zumuten können. Brüskiert, geschwächt ist er dennoch, auch wenn Protest, demonstrative Gesten oder gar der Gang nach Karlsruhe nicht zu seinem stilistischen Repertoire gehören.

Schächter will den Konsens jetzt neu stiften. Bis 2012 wird er souverän weitermachen, das ZDF in die erste Digitalisierungsphase führen und zu einer kleinen „Senderflotte“ ausbauen. Vielsagend geschwiegen zum Fall Brender hat Programmdirektor Thomas Bellut, der einige Erfolge vorweisen kann: vom Tagesprogramm mit der ersten ZDF-„Telenovela“ bis zur Verantwortung für „ZDFneo“, einem neuen Digitalkanal, der sich vor allem an Jugendliche richtet. Er steht auch für gute Satire und die lückenlose Verabschiedung von Johannes B. Kerner. Auch er ist gut konservativ vernetzt. 2012 wäre er dann 59 Jahre alt. Mit ihm steht ein Nachfolger bereit.

WER SCHAUT DAS ZDF UND WARUM?

Wer um kurz vor 19 Uhr einschaltet, kann das typische ZDF-Gefühl erleben: Nachrichten im futuristischen Ambiente. Anfangs sind die kleinen Moderatoren kaum zu erkennen. Zum Glück werden sie bald wild herangezoomt. In diesen Genuss kommt man aber erst, nachdem man zäh Treppenlifter, nächtlichen Harndrang und die Apotheken-Umschau in der Werbung erduldet hat. Das Durchschnittsalter der ZDF-Zuschauer liegt nämlich bei 61 Jahren. Sie lieben Carmen Nebel, André Rieu und Guido Knopp.

Vielen Jugendlichen ist das Programm nahezu unbekannt. Die älteren Damen schwärmen für Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen und Claus Kleber, den Moderator des „heute“-Journals, der sich etwas krampfhaft darum bemüht, die Nachrichten nur ja unverkrampft zu präsentieren. Immer noch rund zehn Millionen Zuschauer sehen regelmäßig Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass ...?“ zu. Einmal haben sogar fast 30 Millionen Menschen das ZDF eingeschaltet: am 4. Juli 2006 zum Fußball-WM-Halbfinale Deutschland gegen Italien. Einige vorabendliche Krimi-Serien, Landärzte, Förster, Fernsehgarten oder das beliebte Traumschiff strahlen eine ungebrochene Spießigkeit aus, während sich das ZDF zugleich um düstere skandinavische Krimis verdient macht, an Programmrändern etwas riskiert und mit großen, nicht selten von „Spiegel TV“ mitgestalteten Dokumentationen Akzente setzt. Der deutsche Fernsehfilm spielt im ZDF noch eine Rolle. Aufgeholt hat der Sender mit eigenen Satire-Formate wie „Neues aus der Anstalt“ und der „heute“-Show“. Von Markus Lanz bis Susanne Kronzucker („Mona Lisa“) – für das Personal wildert das ZDF gerne beim Konkurrenten RTL.

Damit der Sender auf Sicht nicht zum Spartensender für Senioren verkommt, sind Internet-Präsenz und Digital-Ableger wichtig. Besonders aber wird es darum gehen, jugendliche Zuschauer an Politik heranzuführen. Bezweifelt werden darf allerdings, ob da gerade die Parteienvertreter die besten Ratgeber sind.

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