Fernsehkritik : Beim Tiefflug zugesehen

Hauptsache, das Spektakel ist gewaltig: Helmut Schümann über Usain Bolts Weltrekord - und wie man dabei zuschaut.

Helmut Schümann

Nun kann man natürlich lange streiten, ob die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, in diesem Fall das ZDF, verlogen handeln, wenn sie die Kameras auslassen bei der Tour de France und für das finale 100-Meter-Rennen im eigenen Land sowie für die gesamte WM ein multi-mediales Feuerwerk abbrennen. 9,58 Sekunden, ein sauberes Werk, Allmächtiger, wer will das glauben?

Andererseits haben am Sonntag vor den Fernsehern zehn Millionen Menschen allein in Deutschland diesem Usain Bolt beim Tiefflug zugesehen. Kaum anzunehmen, dass die Fernsehzuschauer und alle, die im Stadion live dabei waren im Kollektiv blind und naiv sind. Wahrscheinlicher ist schon, dass es ihnen im Zweifelsfall egal ist, was den Jamaikaner zum Boliden gepusht hat. Was dann noch erschreckender ist als die 9,58 von Bolt, weil diese Haltung die Kapitulation vor der Manipulation ist, ein resignatives Zugeständnis zum Doping. Hauptsache, das Spektakel ist gewaltig, oder wie es Wolf-Dieter Poschmann Sekunden vor dem Start mit Blick auf die Athleten formulierte: „Da tobt, da kocht, da brodelt das Adrenalin, und wer weiß, was sonst noch alles.“ Das negiert keinen Verdacht, das spricht ihn sogar explizit aus, aber das will sich auch nicht den Spaß am Spektakel nehmen.

Die Zuschauer im Olympiastadion auf jeden Fall waren wie auch Kommentator Poschmann aus dem Häuschen, wohl auch, weil sie sich als Teil eines historischen Moments fühlten. Niemals zuvor hat man einen Menschen ohne maschinellen oder mechanischen Antrieb so schnell vorbeihuschen sehen – dabei noch so elegant, so unverkrampft, ja, leicht. 9,58 Sekunden menschlicher Möglichkeiten, den ZDF-Nachrichtensprecher Claus Kleber hat derart die Ergriffenheit gepackt, dass er sich anschließend gefühlt sechzig Mal verhaspelte. Oder war es mehr der Schreck, der Schreck über 9,58 Sekunden unmenschlicher Möglichkeiten?

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