Fernsehkritik : Risse im Progamm

Ist Fernsehen anspruchsvoll oder banal? Nach der Grundsatzrede Reich-Ranickis beim Deutschen Fernsehpreis zeigt sich auch der WDR gespalten.

Hannes Heine

Offenbar zeigt Marcel Reich-Ranickis Kritik am deutschen Fernsehen Wirkung: WDR-Intendantin, Monika Piel, sagte, sie könne seine Kritik am Niveau des TV-Angebots akzeptieren. Allerdings wies Piel das „Pauschalurteil“ zurück, mit dem der 88-Jährige den Ehrenpreis abgelehnt habe. Reich-Ranicki habe einen Teil seiner Popularität schließlich dem Fernsehen zu verdanken, sagte die Chefin des größten ARD-Senders. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen sei nicht schlecht. Piel wolle sich aber dafür einsetzen, dass in der ARD zur Hauptsendezeit verstärkt Anspruchvolleres gesendet werde. Die Intendantin räumte ein, gesellschaftlich wichtige Themen würden zu nachtschlafener Zeit abgehandelt.

Doch beim WDR zeigt sich, wie uneins Fernsehgrößen im Umgang mit der Kritik Reich-Ranickis sind: WDR-Moderatorin Bettina Böttinger, die Mitglied der Fernsehpreis-Jury war, hat die Vorwürfe Reich-Ranickis während der Kölner Verleihungsgala zurückgewiesen. „Da kann er auch gleich sagen, dass die Welt schlecht ist und er der Einzige, der das erkannt hat“, sagte sie dem „Münchner Merkur“. Man könne über Jury-Entscheidungen streiten. Doch ihrer Ansicht nach widerlege die Auszeichnung von „Contergan“ als bester TV-Film und „Das Schweigen der Quandts“, in dem es um die BMW-Gründer während der NS-Zeit geht, die pauschale Kritik Reich-Ranickis. Letzterer hatte am Samstag die Annahme des Ehrenpreises verweigert: Er habe bei der Verleihung viel „Blödsinn“ gesehen und gehöre nicht in diese Reihe.

Die ebenfalls in der Jury des Deutschen Fernsehpreises vertretene Moderatorin Barbara Schöneberger hat am Montagabend die Erwartung Reich-Ranickis an das Fernsehen kritisiert. In der ARD-Talkshow „Beckmann“ sagte Schöneberger, man könne auch nicht in ein Fußballstadion gehen und fragen, warum die Berliner Philharmoniker nicht dort zu sehen seien. Der Fernsehkoch Johann Lafer wies in der „Neuen Presse“ aus Hannover in einem ähnlichen Tenor die TV-Kritik Reich-Ranickis zurück: „Die Leute wollen nun einmal nicht immer nur Hochgeistiges sehen.“

Auf Anregung von Fernsehpreis-Moderator Thomas Gottschalk sendet das ZDF am kommenden Freitag um 22Uhr 30 ein Gespräch mit Reich-Ranicki. Gottschalk hatte vorgeschlagen, die Senderchefs einzuladen, die allerdings nicht dabei sein werden. WDR-Intendantin Piel sagte: „In der Kürze der Zeit ließen sich nicht alle Beteiligten zusammenbringen.“ Laut Piel sollten bei der Runde die Privatsender dabei sein: „Ich hoffe sehr, dass die Landesmedienanstalten als zuständige Aufsichtsbehörden die Kritik Reich-Ranickis aufgreifen und ihrerseits eine Qualitätsdebatte über das kommerzielle Fernsehen in Gang bringen.“Hannes Heine

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