Medien : Fernsehmuseum: Drei Damen vom Grill

Christian Schröder

"Nie hat der Mensch eine banalere Physiognomie inne, als wenn er ein Würstchen ißt", schrieb Joseph Roth 1922, "der Dampf des in den Nähten aufkrachenden Fleisches umwallt sein Gesicht, das Gehirn stellt wirklich für eine Weile alle Tätigkeit ein, es ist betäubt vom heißen Fleischgeruch, und das Auge öffnet sich weit und sieht hungrig aus, hungrig und nach mehr schreiend."

Der Vorgang des Wurstessens als Zen-Buddhismus: Ein halbes Jahrhundert später handelte davon auch die ARD-Vorabendserie "Drei Damen vom Grill". Man muss nur den vor der Imbissbude von Gabi Schramm, Brigitte Mira und Brigitte Grothum aufgereihten Currywurst-, Schaschlik- und Bulettenessern ins Gesicht gucken, auf ihre kauenden Münder und strahlenden Augen, um zu erkennen, dass Fleisch mehr ist als ein Stück Lebenskraft: ein Glücklichmacher.

In "Drei Damen vom Grill" geht es um die Wurst, aber nicht nur. Vor allem demonstriert das zwischen 1977 und 1991 in 140 Portionen aufgekochte Fastfood-Melodram, dass die Idee der Frauen-Emanzipation bereits in der Helmut-Schmidt-Ära weit in die Untiefen der TV-Unterhaltung vorgedrungen war. Brigitte Mira, Brigitte Grothum und Gabriele Schramm - Oma, Mutter und Tochter Färber - stehen im eigenen Imbisswagen ihren Mann und lassen nichts anbrennen. Der einzige Vertreter des sog. starken Geschlechts, der in diesem matriachalischen Kollektiv eine Rolle spielt, ist Günter Pfitzmann als LKW-Otto. Er liefert Würstchen aus und ist auch selber eins: Ein Schwerenöter, der jedem Rock hinterhersteigt und nicht mal merkt, wie lächerlich er sich dabei macht. "Drei Damen vom Grill" spielt in einer nahen Vergangenheit, die schon sehr entrückt wirkt: im alten West-Berlin. Gemütlich ging es zu damals, in der Windstille jenseits der Mauer. Und ein leckerer Duft von Bratwurst, Curry und Fritierfett lag über der Halbstadt.

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