Medien : Film-Biografie: Der Mann von Welt

Iris Ockenfels

Er wird mit großer Spannung erwartet: "Der Verleger", der zweiteilige Film über das Leben von Axel Cäsar Springer, ist fertig. Immerhin hat es gut drei Jahre Vorbereitung, ebenso viele Regisseure und mehrere Drehbuchvorlagen gebraucht, um den Aufstieg des "AS" zum größten Verleger Europas ins Fernsehen zu bringen. In Hamburg wurde er vor einer großen Presseschar erstmals gezeigt; am 9. und 10. Oktober strahlt ihn die ARD in zweimal 90 Minuten aus. Produzentin Regina Ziegler, Regisseur Bernd Böhlich und Hauptdarsteller Lauterbach kamen mit stolzen Gesichtern. Über ihr schwieriges Projekt, das manchmal auch ein Balance-Akt war, ist im Vorfeld viel berichtet worden. Gegen einiges wehrte sich Ziegler, es wurde so manche Gegendarstellung gedruckt. Klar ist: Das "Making of" war kompliziert, ging es doch um die Frage, wie dieser umstrittene Meinungsmacher, dieser polarisierende Machtmensch und Medienmogul angemessen darzustellen sei.

Ein Problem, mit dem sich schon Springer-Biograf Michael Jürgs herumschlug: "Er war Patriot, aber kein finsterer Nationalist. Er war gegen die Nazis, duldete aber schlimme Nazischreiber unter seinen Redakteuren. Er war ein Frauenheld, aber unfähig zur Bindung", schreibt der frühere "Stern"-Chefredakteur über den widersprüchlichen Charakter des 1985 verstorbenen Verlegers. Jürgs Buch "Der Fall Springer" diente als Grundlage für den Film. Er begleitete das Projekt, nachdem Ziegler sich 1997 die Rechte an der Biografie gesichert hatte. Zunächst war der WDR als Auftraggeber, Michael Verhoeven als Regisseur und Wolfgang Limmer als Autor vorgesehen. Doch dann kam alles anders. Es wurde umbesetzt und umgeschrieben.

Auslöser war offenbar das Drehbuch von Limmer. "Er wurde der vielschichtigen Person des Verlegers einfach nicht gerecht", kritisiert Ziegler. Auch Jürgs, der Springer in seinem Buch nicht gerade mit Samthandschuhen anfasst und "politisch immer auf der anderen Seite stand", wie er betont, hatte Einwände: "Zu einseitig" habe der ehemalige "Spiegel"-Redakteur Limmer den Verleger dargestellt, die reaktionären Figuren an Springers Seite zu stark betont.

Nun ist Bernd Böhlich ("Sturmzeit") Autor und Regisseur. Er schrieb die neuen Drehbücher nach einem Szenario von Paul Hengge ("Das Urteil"). Der NDR übernahm die Federführung. Ziegler über das Ergebnis: "Wir zeigen den Verleger in seiner ganzen Bandbreite: schillernd, widersprüchlich, visionär." Der Visionär ist es vor allem, der den ersten Teil des Films bestimmt: Entrückt an seiner ersten Dose Druckerfarbe schnuppernd, im Lotterbett Zeitungsnamen erfindend, erscheint er als lebenslustiger Geschäftsmann, der den Leuten zuruft: "Seid nett zueinander!" Der zweite Teil erst komplettiert das Bild, zeigt die Brüche der Figur: Seine missglückten Schritte auf politischem Parkett in Moskau, sein verbohrtes Unverständnis gegenüber Brandts Ostpolitik und den revoltierenden Studenten, sein Scheitern als Vater. Lauterbach wandelt sich dabei überzeugend vom jungen Charmeur zum verbitterten älteren Herrn.

Doch bei allen Realitätsbezügen betonen die Macher den Spielfilm-Charakter. NDR-Fernsehdirektor Jürgen Kellermeier sagt: "Das ist keine Dokumentation und deshalb auch nicht mit den Maßstäben der Geschichtsschreibung zu messen." Das geht schon deshalb nicht, weil einige Figuren umbenannt wurden oder fiktiv sind; auch aus Gründen des Persönlichkeitsrechts. Friede Springer hat Ziegler das Drehbuch ungelesen zurückgeschickt, wollte sich an dem Projekt nicht beteiligen. Sie kommt ebensowenig namentlich vor wie die anderen vier Springer-Gattinnen. Im Film heißt die letzte Frau des Verlegers schlicht Angela und spielt eine kleine Rolle. Und auch die Hauptfigur hört nicht auf den Namen Springer, sondern wird "Axel" oder "Herr Verleger" gerufen.

Die Ziegler-Crew erlaubte sich zudem den Kunstgriff, mehrere Chefredakteure in der Figur eines fiktiven Herrn Ravens zu vereinigen. Vielen der journalistischen Zuschauer drängte sich der Eindruck auf, dem Mixcharakter sei eine große Portion Peter Boenisch beigegeben. "Herr Boenisch ist nie nach einer Zusammenarbeit gefragt worden", wiegelt Ziegler ab. Und Kellermeier ergänzt schmunzelnd: "Ähnlichkeiten sind rein zufällig." Drei andere Figuren hingegen haben reale Vorbilder: Peter Tamm, Christian Kracht und Hans Zehrer. Während der Film-Tamm als Manager im Hintergrund agiert, kommen Kracht, dem langjährigen Generalbevollmächtigten, und Zehrer, dem ersten "Welt"-Chefredakteur, tragende Rollen zu.

Laut Ziegler gefiel Kracht das Drehbuch gut. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn die Figur ist ein Sympathieträger, der sich nicht nur aufopferungsvoll um den Verleger kümmert, sondern auch dessen Ex-Frauen tröstet. Der 1966 verstorbene Hans Zehrer wurde zwangsläufig unbefragt beteiligt. Im Film schäumt Zehrer auf den langen Sylt-Spaziergängen mit "Axel" zwar über vor patriotischem Eifer. Seine Vergangenheit als nationalkonservativer "Tat"-Herausgeber wird aber nur angedeutet. Der Film nimmt keine politische Wertung vor. Er soll es auch gar nicht. "Es ist ein respektvoller Blick auf eine facettenreiche Persönlichkeit", sagt NDR-Redakteurin Doris J. Heinze. Ein Blick, der Raum für Deutungen lässt.

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