Medien : „Final Times Deutschland“

Zum Abschied schreibt die „FTD“ ein Testament - und entschuldigt sich.

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Schwarze Zahlen hat die „Financial Times Deutschland“ in den zwölf Jahren ihres Bestehens nie geschrieben. Zum Abschluss gönnt sie sich dafür ein schwarzes Titelblatt. Repro: Tsp
Schwarze Zahlen hat die „Financial Times Deutschland“ in den zwölf Jahren ihres Bestehens nie geschrieben. Zum Abschluss gönnt sie...

Am Ende ist die „Financial Times Deutschland“ das, was sie immer sein wollte: „Endlich schwarz“.

Lachsrosa leuchtet der Satz auf der ansonsten komplett schwarz gefärbten Titelseite der letzten Ausgabe, eine Anspielung auf die schwarzen Zahlen, die die Wirtschaftszeitung aus dem Hamburger Verlag Gruner + Jahr in den zwölf Jahren ihres Bestehens nie geschrieben hat. Aus dem Namenszug bröckeln Buchstaben herab, ein „N“, ein „A“, ein „C“ ein „I“, übrig bleibt die: „Final Times Deutschland“.

Es ist ein großer Aufschlag, mit dem sich die Wirtschaftszeitung am Freitag verabschiedet. Auf 44 Seiten zeigt sie noch einmal, wie sie nicht allein durch ihre Optik, sondern mit Humor, Kreativität und Schlagfertigkeit Farbe in die journalistische Landschaft gebracht hat.

Die Seiten in der Abschiedsausgabe werden rückwärts gezählt, los geht’s mit der „letzten Ehre“, die sich das Blatt selbst erweist. Hier werden die schönsten Titelseiten und Layouts präsentiert, die größten Scoops gefeiert, die ihr verliehenen Preise aufgelistet und erklärt, warum die „FTD“ ihre Leitartikel als einzige Zeitung Deutschlands unsigniert veröffentlichte und deutliche Wahlempfehlungen aussprach. Letzteres sei kein Verstoß gegen die gebotene Neutralität gewesen, sondern der Mut, „klar Stellung zu beziehen“. Selbst bei den Wahlen in Griechenland mischte die „FTD“ im Juni 2012 mit, verfasste auf Griechisch eine Wahlempfehlung für die Partei Nea Dimokratia – und handelte sich damit mächtig Ärger ein. Im Wahlbüro wurde die Athen-Korrespondentin bespuckt, woraufhin sie sich als Korrespondentin der französischen „Le Monde“ zu tarnen versuchte.

Dass es angesichts der mehr als 250 Millionen Euro Verlust, die die „FTD“ seit ihrer Gründung angehäuft haben soll, so nicht weitergehen kann, musste den Machern schon länger klar gewesen sein. Eine Zusammenlegung mit den Magazinen „Börse Online“, „Impulse“ und „Capital“ zur Gemeinschaftsredaktion Gruner + Jahr Wirtschaftsmedien 2008 brachte nicht die gewünschten Synergieeffekte. Bis zuletzt tüftelte die Redaktion an einem Zukunftskonzept: Auf 20 Seiten sollte die Wochenausgabe schrumpfen, auf 40 Seiten die Wochenendausgabe wachsen. Auch ein neues Digitalkonzept war entwickelt. Bevor die Ideen nun in der Versenkung verschwinden, werden sie in der Abschiedausgabe präsentiert.

Der „FTD“ fehlte es an Lesern – 102 000 Exemplare verkaufte sie zuletzt, davon war ein Großteil Bordauflage –, und an Werbeeinnahmen. Für die finale Nummer hat sich die Zeitung deshalb selbst Anzeigen gebastelt (neben echten Anzeigen): „Liebe FTD, ich helfe beim Einpacken“, sagt die Verkäuferin in der Schlecker-Anzeige, „Was sind schon 250.000.000

Euro?“, heißt es in der Anzeige der Lehmann-Brothers und neben einem brennenden Zeppelin mit „FTD“-Logo von CargoLifter: „Burn after reading“.

Viele solcher Perlen sind in der „Final Times Deutschland“ zu finden. Auch die Anspielung auf die „FTD“-Luxusbeilage „How to spend it“, „How to end it“, in der die besten Accessoires für einen glänzenden Abgang vorgestellt werden: eine rosa Brille für „den Blick nach vorn“, strassbesetzte Gummistiefel für alle, die im Regen stehen, ein Jagdmesser „für den scharfen Schnitt“. Dazu die Lieblingsschlagzeilen der Redaktion, zu denen die passenden Geschichten fehlten: „Ein Quandt braucht Trost“, „Die Tuba-Krise“, „Die Umschläge vom 11. September“.

Die 309 Redaktionsmitglieder, die hinter diesen Ideen stecken, sind für ihren „letzten Auftritt“ mit Fotos in der Abschiedsausgabe verewigt. Sie haben nicht nur für die „FTD“ geschrieben, sondern auch für die Magazine der G + J Wirtschaftsmedien. „Börse Online“ und „Impulse“ sollen nun verkauft werden, einzig „Capital“ will der Verlag fortführen. Insgesamt verlieren 364 Mitarbeiter ihren Job.

Die letzten Seite ziert ein Foto, auf dem sich Chefredakteur Steffen Klusmann und die Mitarbeiter der Hamburger Redaktion verbeugen. Sie bitten um Entschuldigung: bei den Gesellschaftern des Verlags für die „verbrannten Millionen“, bei Anzeigenkunden für „kritische Berichterstattung“, bei Politikern dafür, dass ihnen „so wenig geglaubt“ wurde, und bei den Lesern, „dass dies jetzt die letzten Zeilen sind“. Aber, so versichert die Redaktion: „Wenn wir noch einmal von vorne anfangen dürften – wir würden es jederzeit wieder genauso machen“, denn, so steht es im Testament der „FTD“, dem letzten Leitartikel: „Die ,FTD‘ ist überzeugt, dass Journalismus auch weiterhin gebraucht wird. Und dass er von den Lesern gewollt wird. Wenn er gut ist.“ Ein letzter Wille.

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