Medien : "Financial Times Deutschland": Wohin die Lachse ziehen

Matthias Hochstätter

Andrew Gowers, Chefredakteur der "Financial Times Deutschland" (FTD), stellt hohe Anforderungen. Jeden Tag solle mindestens eine Geschichte im Blatt sein, "die irgend jemand lieber nicht lesen will". Das schaffte die Zeitung in den ersten Wochen. Von empörten Unternehmern hagelte es Dementis, allerdings keine Gegendarstellungen oder Widerrufe. Ernst wurde es, als die FTD Ende März Artikel veröffentlichte, die die Lufthansa lieber nicht lesen wollte. Schließlich legt die Lufthansa Tag für Tag gut 15 000 lachsrosa Blätter in ihren Maschinen aus. Sie drohte der FTD, den Vertriebsvertrag zu kündigen, sollte man nochmals so ungezogene Artikel lesen. Schnee von gestern. Ruhig ist es geworden um die FTD, das vermeintliche Enfant terrible der Wirtschaftspresse. Die Redakteure schreiben streng nachrichtlich und dürfen auf den hinteren Seiten ihre Meinung sagen. Ist die FTD mittlerweile eine kreuzbrave Wirtschaftszeitung? "Nein, die empfindliche Unternehmens-PR hat sich an die FTD gewöhnt", glaubt der stellvertretende Chefredakteur Christoph Keese. Drei bis vier Geschichten würden täglich von den Nachrichtenagenturen aufgegriffen. Für Rainer Nahrendorf, Chefredakteur des "Handelsblatts", ist das nichts Besonderes. Auch er bekommt alle drei Tage einen Stapel Agentur-Meldungen mit "Handelsblatt"-Zitaten auf den Tisch. Nahrendorf macht jeden Morgen "Konkurrenzkontrolle". Wettbewerb belebe schließlich das Geschäft.

Nicht nur die FTD ist auf Draht. Und nicht nur die FTD kann Erfolge verbuchen. Frühzeitig hatte man beim "Handelsblatt" im letzten Jahr von der drohenden Konkurrenz erfahren. "Wir haben durch die FTD neuen Schwung bekommen", sagt Anzeigenchef Jürgen Helten. Ein Relaunch, eine Beilage für Anleger und eine für E-Commerce und die Kooperation mit dem "Wall Street Journal" waren die Folgen.

Freie Nischen zu besetzen, wird für die FTD jetzt immer schwieriger. Auch das "Handelsblatt" profitierte von der Euphorie am Neuen Markt, legte im Vergleich zum Vorjahr an Auflage zu und liegt derzeit bei 166 000 verkauften Exemplaren. "Da hat eine echte Markterweiterung stattgefunden", sagt Jürgen Maukner, der Anzeigen-Chef der FTD. Studien belegten, dass die FTD ihre Leser und Anzeigenkunden nicht auf Kosten des "Handelsblatts" findet. Früher oder später werde das Handelsblatt jedoch die Konkurrenz aus Hamburg zu spüren bekommen, hofft Maukner.

Nach eigenen Angaben verkauft sich lachsrosa etwa 59 000 Mal am Tag. Ordentlich geprüft wird die FTD-Auflage erst im dritten Quartal dieses Jahres. Maukner freut sich, dass er mit bislang 1300 verkauften Anzeigenseiten "über Plan" sei. Um die FTD für die Leser und somit für die Werbewirtschaft interessant zu machen, schwitzen die Redakteure ordentlich. "Wer vor 22 Uhr die Redaktion verlässt, wird schon schief angeschaut", berichtet einer. Nicht alle Mitarbeiter müssten allerdings bis zum Redaktionsschluss um 22 Uhr 30 ausharren.

"Die Arbeitsbelastung ist schon enorm", gibt Christoph Keese zu. Doch dafür ist die Personalfluktuation gering: Nur zwölf von 150 Redakteuren nahmen bislang ihren Hut oder wurden gegangen, allerdings auch der Werbe- und Vertriebsleiter und der Art-Director. Vor gut sieben Monaten ging die Wirtschaftszeitung ins Rennen. Das englische Original kauften hier zu Lande nur etwa 11 000 "Entscheider". Deshalb stellten Gruner + Jahr und der englische Verlag Pearson etwa 300 Millionen Mark für eine deutsche "Financial Times" bereit, allein der Werbe-Etat der FTD für das Jahr 2000 beträgt 30 Millionen Mark.

Dem "Handelsblatt" erwuchs auf einmal ein direkter Konkurrent. Geschadet hat er der Wirtschafts- und Finanzzeitung aus Düsseldorf bislang nicht. Bleibt für Gowers und seine Mannschaft abzuwarten, dass sie nicht nur dem Handelsblatt neuen Schwung eingehaucht haben, sondern auch genug Luft für eigenes Wachstum bleibt. In ein paar Jahren soll sich die FTD schließlich 120 000 Mal pro Erscheinungstag verkaufen. Und für reine Prestige-Objekte ist Gruner + Jahr nicht mehr zu haben.

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