Medien : Flugangst und Psychopharmaka

Tom Peuckert

Erinnern und Vergessen sind Fundamentalereignisse in unserem geistigen Leben. Ohne Erinnerung gibt es keine Identität, aber auch das gesunde Vergessenkönnen ist lebensnotwendig. Seit langer Zeit sucht die Wissenschaft nach den neurophysiologischen Wurzeln unseres Gedächtnisses. Wie weit sie gekommen ist, erzählt Robert Brammer in seinem Feature „Die Amnesiepille“. Brammer befragt Hirnforscher aus Deutschland und den USA und dokumentiert die ethischen Kontroversen, die sich am Thema entzündet haben (Deutschlandradio Kultur, 4. Januar, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

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Vor 80 Jahren wurde die Lufthansa gegründet. Gewiss würden deren Manager eine Pille bejubeln, mit der sich Flugangst ein für allemal vergessen ließe. Zum Geburtstag der Lufthansa hat Feature-Autor Friedrich Schütze-Quest dem Phänomen Flugangst eine akustische Recherche gewidmet. Im Feature „Lufthansa Five-Nine-Zero“ berichten Psychotrainer und erfahrene Flugkapitäne, aber vor allem jene, die beim Fliegen stets das große Zittern überfällt (Kulturradio, 4. Januar, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

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Ob LSD gegen Flugangst hilft, ist wenig erforscht. Gut möglich, dass man sich in der Luft einen Höllentrip einfangen kann. Vor genau 100 Jahren wurde Doktor Albert Hofmann geboren. Der Schweizer Chemiker entdeckte 1943 die enormen Wirkungen des Lysergsäurediäthylamids. Mathias Bröckers hat einen Radioessay über Hofmann und seine Entdeckung geschrieben. „Auf dem Weg nach Eleusis“ umkreist das Wesen der Drogenerfahrung und erzählt von der langen Kulturgeschichte psychoaktiver Substanzen in magischer Praxis und religiösem Kult (Kulturradio, 5. Januar, 22 Uhr 04).

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In seinem Hörspiel „Das Wirklichgewollte“ zieht Volker Braun eine melancholische Bilanz der linken Revolution. Ein altes Paar in der Toskana und ein greiser Stadtplaner in Rio de Janeiro sind Brauns Hauptfiguren. Einst haben sie von der Revolution geträumt, nun leben sie in privatem Wohlstand, doch von der Zeit überrollt. Als junge Leute in ihre Altersenklaven einbrechen, scheint für einen Moment die Befreiung aus körperlicher Not und dem Zwang der Eigentumsverhältnisse möglich. Dann schlägt alles um in Gewalt (Kulturradio, 6. Januar, 22 Uhr 04).

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Heiner Müllers letztes Theaterstück war ein poetischer Gewaltmarsch durch die Gründe und Abgründe der deutschen Geschichte. In „Germania 3“ beschwor Müller wenige Jahre nach dem Untergang der DDR die Lemuren der jüngeren Vergangenheit noch einmal herauf: Stalin und Hitler, Ulbricht und Thälmann, Nazi-Generäle und russische Kommissare. Die Hörspielfassung des Dramas überrascht mit einem ästhetischen Geniestreich: Der Schauspieler Ulrich Mühe gibt sämtliche Rollen in Müllers Totentanz. Müllers radikale Analysen zur historischen Dialektik des Jahrhunderts und Mühes sensible Artistik ergeben ein außergewöhnliches Radiokunstwerk (Deutschlandfunk, 7. Januar, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz)

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In einer Serie von Kurzhörspielen hat sich Matthias Eckoldt mit den „Idioten des Westens“ beschäftigt. Eckoldts Idioten leben angespannt auf der Höhe der Möglichkeiten, die unsere Konsumgesellschaft bietet. Über Trends und Styles, Hypes und Moden wissen sie alles. Informiertheit ist ihre Obsession. Doch bei zu vielen Wahlmöglichkeiten wird das Wählen zu einem grotesken Übel. Es kommt zum rasenden Stillstand (Kulturradio, 4.–6. und 9.–14. Januar, jeweils 14 Uhr 15).

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