Medien : Forever young

Mit Bob Dylan hinein in Joschka Fischers Welt

Barbara Sichtermann

Als der Minister im Verlauf der Anhörung zur Visa-Affäre das Wort „Hausbesprechung“ verwenden will, sagt er versehentlich „Hausbesetzung“. Ein Raunen geht durch die Reihen des Ausschusses und der Reporter, einer ruft: „Die Vergangenheit holt einen immer ein.“ Fischer lenkt von seinem Lapsus nicht ab. Er grinst und setzt noch einen drauf. Er schiebt den schwarzen Peter der Opposition zu. Die hätte es eigenem Versagen zuzuschreiben, dass er im Jahre 1998 das Außenamt „besetzen“ konnte.

Joschka Fischer wird allezeit der Straßenkämpfer bleiben, der es zum beliebtesten deutschen Spitzenpolitiker gebracht hatte – für sich selbst und andere. Der Republik stellt diese Karriere schon mal vorab ein gutes Zeugnis in Sachen Liberalität und Toleranz aus. Wie aber hat der Bundesaußenminister diese Republik darüber hinaus geprägt, wie hat er ihre Einstellung zu Krieg und Frieden, Globalisierung und Migration, Realpolitik und Europa-Vision beeinflusst? Ein Dokumentarfilm mit Überlänge, der aber mit 105 Minuten keineswegs zu lang ist, sucht nach Antworten. Stephan Lamby verschränkt die Highlights und Tiefpunkte aus sieben Jahren Politiker-Leben mit großer Geschicklichkeit: Stets bleiben die beiden Pole im Blick, zwischen denen Fischers Karriere oszilliert. Da ist einmal der Kraftkerl, der nie ganz berechenbar ist und nach dem Farbei-Angriff auf dem Grünen-Parteitag ungerührt im bekleckerten Jackett weiterredet, der dem Interviewer mitteilt: „Den (Eierwerfer) hätte ich mir gerne geschnappt, aber das konnte der Bundesaußenminister nicht machen." Und da ist der Staatsmann, der sich auf internationalem Parkett bewegt, als sei es eigens für ihn ausgelegt. Da ist der Vernunftsmensch, der Kompromisse als demokratische Notwendigkeit anerkennt, nicht etwa als Scharte, die ausgewetzt gehört. Da ist der Polit-Star, der mit seinen Reden so gut ankommt, weil er trotz aller Würden spontan geblieben ist und, wenn er spricht, immer auch seinem Herzen Luft macht.

Die Dokumentation ist auch eine Geschichtsstunde: Lamby führt durch die Krisen der Jahre: Kosovo, 9/11, Afghanistan, Palästina, der Irak. Weggefährten, journalistische Beobachter, Gegner und Kollegen, unter ihnen Tom Koenigs, Ludger Volmer, Lothar Bisky, Gerhard Schröder, Wolfgang Schäuble, äußern sich detailliert über den Grünen. So entsteht ein Panoramablick auf das „political animal“ (Selbstzeugnis) Fischer, untermalt von den Gesängen Bob Dylans, den Fischer schätzt und dessen Melancholie gut zu dem auch immer wieder gezeigten Wahlkämpfer dieses Spätsommers passt.

„Die Welt des Joschka Fischer“, Phoenix, 20 Uhr 15

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