Frank Plasberg - Hart aber fair : Amazon und das gute Gewissen vor Weihnachten

Mit Günter Wallraff und Amelie Fried diskutierte Frank Plasberg bei "Hart aber fair" über Online-Versand und Amazon, über Kritik und Mythen. Das Unternehmen selbst verpasste eine Chance.

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Frank Plasberg moderiert die Sendung "Hart aber fair" in der ARD.
Frank Plasberg lud zum "Hart aber fair"-Talk zum Thema Amazon und Online-Handel.

Frank Plasberg hatte mit der Themenwahl für die ARD-Talksendung „Hart aber fair“ den richtigen Riecher: „Süßer die Kunden nie klicken – zu viel Macht für Amazon und Co?“ fragte er seine Gäste am Montagabend, nachdem die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi just zum Wochenanfang zu Streiks an zwei Amazon-Standorten aufgerufen hatte.

Um die Forderungen der Gewerkschaft – sie will, dass die Amazon-Mitarbeiter nach den Tarifverträgen für den Handel und nicht der Logistikbranche bezahlt werden – ging es in der ARD-Sendung allerdings nur am Rande. Im Zentrum stand vielmehr die Frage an die Zuschauer als Verbraucher, ob man mit guten Gewissen im Internet einkaufen kann, wenn man weiß, unter welchen Bedingungen die Beschäftigten in den Online-Versandabteilungen gerade jetzt vor Weihnachten arbeiten, wenn es in den Straßen vor lauter Paketautos kein Durchkommen mehr gibt und zugleich die Innenstädte immer mehr veröden.

Es war dabei nicht einmal das Verdienst von Gero Furchheim, dem Präsidenten des Bundesverbandes E-Commerce und Versandhandels, der Unternehmen wie Otto, Douglas, Cyberport oder mytoys.de vertritt, dass die Sendung nicht in eine einzige Schuldzuweisung gegen den Online-Handel ausartete. Insbesondere Amelie Fried, die TV-Moderatorin, Buchautorin und bekennende Online-Shopperin, räumte von Anfang an mit einigen Mythen auf. Sie selbst lebt 50 Kilometer außerhalb von München und weiß, dass vielen Menschen auf dem Land oftmals gar nichts anderes übrig bleibt als der Einkauf im Internet.

Amelie Fried: Der Kunde als Störenfried

Zudem habe es lange gedauert, bis der Handel auf die Konkurrenz aus dem Netz reagiert hat und nun mit Freundlichkeit und Service-Orientierung für sich werbe. „Früher fühlte man sich als Kunde mitunter als Störenfried“, kann sie sich noch erinnern. Und die Verödung der Innenstädte habe nicht erst mit dem Internet begonnen. „Bei meinen Lesereisen weiß ich oft nicht, in welcher Stadt ich gerade bin. Überall gibt es die gleichen Ketten. Von welchem idealisierten Einzelhandel reden wir hier überhaupt?“, fragte sie.

So pragmatisch wie viele Kunden gab sich in der Sendung auch Gerrit Heinemann, der an der Hochschule für Betriebswirtschaft, Management und Handel in Niederrhein lehrt. Sicherlich sei der Beratungsklau, bei dem sich Verbraucher im Geschäft informieren lassen, um dann im Netz zu kaufen, für den Handel ein Problem. Doch auf der anderen Seite informieren sich zehnmal mehr Kunden vor dem Kauf im Geschäft im Internet über das gesuchte Produkt, hielt der Handelsexperte entgegen. Überhaupt zeichnete sich die Diskussion durch sachliche Argumente statt emotionale Zuspitzungen aus. Plasberg hielt das Heft zudem jederzeit fest in der Hand und unterband vorbereitete Redebeiträge bereits im Ansatz.

Günter Wallraff fast auf verlorenem Posten

Tatsächlich sind Einzelhandel und Internet keineswegs zwangsläufig Gegensätze, machte Hermann Hutter, der Geschäftsführer des Ulmer Haushaltswarengeschäfts „abt“, klar. Die Kunden können wählen, ob sie im Ladengeschäft oder im Online-Shop einkaufen. Wer etwas erleben will, fährt besser in die Ulmer Innenstadt, beispielsweise zum Kochevent mit TV-Koch Johann Lafer.

Beinahe auf verlorenem Posten sah sich der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff, der für sein Buch „Lastenträger“ selbst bei verschiedenen Zustellfirmen gearbeitet hatte und aus eigener Erfahrung von Lohndumping, Zeitdruck und Überlastung der Zusteller berichtete. Doch wie halten es die Zuschauer: Mitleid mit den Zustellern haben fast alle Befragten, doch Trinkgelder sind die Ausnahme.

Amazon drückte sich vor der Sendung

In der Ablehnung von Amazons Geschäftsgebaren waren sich die Diskutanten dennoch weitgehend einig. Mit seiner Kritik an den sektenhaften Arbeitsbedingungen, dem Monopolstreben des Unternehmens und den Allmachtsfantasien von Jeff Bezos blieb Günter Wallraff zwar allein. Doch dass Amazon in Europa nur ein Prozent Steuern zahlt, wie Amelie Fried sagte, empörte Gäste wie Publikum gleichermaßen. Die Chance, sich gegen die Kritik zur Wehr zu setzen, hat Amazon jedoch verstreichen lassen. Die Einladung in die Sendung hatte das Unternehmen ausgeschlagen, wie Plasberg erzählte.

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