Medien : Frankfurter Börse: Voller Rang, leeres Parkett

Rolf Obertreis

Fast scheint es, als hätten die Börsianer die Flucht ergriffen. Als wollten sie das Grauen nicht mehr sehen. Fast leer ist es auf dem Parkett im altehrwürdigen Saal der Frankfurter Börse. Zwölf, vielleicht auch 15 Händler, ein kleines Büchlein in der einen, das Telefon in der anderen Hand, stehen sich in diesen Tagen fast die Beine in den Bauch, halten ein Schwätzchen mit den Kursmaklern. Die schauen ab und an auf ihre Bildschirme, dann wieder in die danebenliegende "Bild"-Zeitung. Hier soll der Teufel los sein, hier sollen im Salami-Crash der vergangenen Monate Hunderte von Milliarden vernichtet worden sein?

Die Krise der vergangenen Monaten hat klarer als je zuvor gezeigt: Die Börse spielt sich nur noch zu einem kleinen Teil auf dem Parkett ab. Der Wertpapierhandel wird längst vom Computer dominiert. Und der muss nicht an der Börse stehen. Das allerdings stört die Fernseh- und Rundfunksender wenig. "Die Galerie ist fast voll", sagt Frank Hartmann, Pressesprecher der Deutsche Börse AG. Die elektronischen Medien haben im Frankfurter Börsensaal die Oberhand, zumindest sind sie die treibende Kraft auf der Galerie. ZDF, ARD, n-tv, CNBC, Deutsche Welle, der Finanz- und Wirtschaftssender Bloomberg, N 24 und Sparkassen-TV (das einzige Team, das nur für eine Unternehmensgruppe und deren Kunden arbeitet) berichten jeden Tag live aus der Börse.

Auf der Galerie reiht sich Monitor an Monitor, Kamera an Kamera. Die Räume dahinter sind vollgepackt mit modernster Technik. Aber mehr als die Tafel mit der zuletzt fast immer nur nach unten zeigenden Kurve des Deutschen Aktienindex (Dax) und die permanent ratternden Kurs-Anzeigen gibt die Börse an Bildern nicht her.

Vom Ambiente an der New Yorker Wall Street, an der n-tv-Reporter Markus Koch jeden Tag aufpassen muss, dass er auf dem Parkett nicht von hektischen Börsenhändlern umgerannt wird, können die TV-Moderatoren in Frankfurt nur träumen. "Natürlich macht es derzeit nicht viel Spaß", sagt Franz Zink, Chef des ZDF-Börsenstudios: "Und auch die Hektik früherer Tage ist schwer zu vermitteln". Trotzdem hält er die Berichterstattung direkt aus dem Börsensaal für richtig und wichtig: "Das ist der Ort, an dem Börse authentisch stattfindet." Also leistet sich das ZDF ein Team von jeweils acht Leuten, die täglich in zwei Schichten das Börsengeschehen einfangen. Mindestens vier Mal pro Tag sind Zink, seine Kollegin Valerie Haller oder Reinhard Schlieker auf Sendung, bei außergewöhnlichen Anlässen auch öfter. Morgen- und Mittagmagazin, "heute"-Nachrichten und das "heute-journal" gehören zum Standard-Repertoire. Aber sie kümmern sich nicht nur um die Börse. Auch andere Wirtschaftsthemen werden aufgegriffen. Schließlich findet nirgends sonst in der Republik so viel Wirtschaft statt wie in Frankfurt. Zink und seinen Kollegen geht es nicht nur darum, Börsenkurse runterzubeten. "Wir wollen Geschichten erzählen aus der Wirtschaft, Zusammenhänge aufdecken."

So sieht es auch Frank Lehmann vom Hessischen Rundfunk, der in den letzten Monaten mit seiner Sendung "Börse im Ersten" kurz vor der "Tagesschau" ungeahnten Ruhm erlangt hat. Seit 1989 berichtet er bereits von der Börse. Wie die Kollegen von den anderen Sendern setzt auch das Hessen-Team auf Gesprächspartner, um das Börsendickicht zu durchleuchten. Erstens gibt es die bei Banken und anderen Finanzdienstleistern in Frankfurt zuhauf. Und zweitens kommen die Volkswirte, Analysten und Wertpapier-Experten auch gerne. Schließlich ist ein Auftritt bei ZDF, ARD oder n-tv kostenlose Werbung für das eigene Unternehmen. Ein Gerangel zwischen den Sender um die Experten gibt es jedenfalls nicht, sagt Lehmann. Dazu ist die Auswahl zu groß.

Auch n-tv ist seit dem Senderstart im November 1992 an der Börse. Das sei ein Muss, glaubt Rudolf Matter, der Leiter der n-tv-Wirtschaftsredaktion: "Es geht um die Atmosphäre. Die Kurstafel und die Tafel mit der Dax-Kurve sind das Wichtigste." 15 Mal schaltet n-tv an die Börse und spannt das Team um die Moderatoren Friedhelm Busch und Katja Dofel ein.

Der Standort Börse ist für die Sender allerdings nicht auf Dauer gesichert. Seit Jahren schon wird darüber spekuliert, wann der Wertpapier-Handel auf dem Parkett eingestellt wird. Aber konkrete Daten gibt es nicht. Für Frank Lehmann jedenfalls wäre es keine Alternative, sich nur vor eine Kurstafel zu stellen, so wie dies die Kollegen von n-tv an der Technologie-Börse Nasdaq in den USA praktizieren. Auch der Handelssaal der Deutschen Bank oder einer anderen Großbank in Frankfurt, wo Dutzende von Händlern vor den Bildschirmen sitzen, wäre keine Alternative. "Da hätten wir zwar Börsenleben, aber immer das Logo der Bank im Bild", sagt Lehmann. Die Sender würden sich dem Vorwurf aussetzen, nicht unabhängig zu berichten. Noch allerdings bleibt den Sendern der Frankfurter Börsensaal erhalten. Ihre Präsenz ist auch ein Pfund gegenüber der Deutsche Börse AG. Dort weiß man sehr genau, dass das Image der Börse auch mit dem Parketthandel zusammenhängt. Und mit den Bildern, die das Fernsehen tagtäglich vom - wenn auch immer - flaueren Aktienhandel liefert.

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