Frauenquote beim Männerfußball? : Olli immer, Nia nimmer

Beim Männerfußball tummeln sich Experten in Mannschaftsstärke. Wo aber bleiben die Expertinnen?

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Ihr Golden Goal machte Nia Künzer 2003 zur Fußballweltmeisterin. Seit ihrem Karriereende ist sie ARD-Expertin, aber nur für Spiele der Frauenmannschaften.Foto: pa/dpa
Ihr Golden Goal machte Nia Künzer 2003 zur Fußballweltmeisterin. Seit ihrem Karriereende ist sie ARD-Expertin, aber nur für Spiele...Foto: picture alliance / Gladys Chai v

Sie sind unter sich. Welche Aufstellung die richtige, welches Spiel bei EM und WM gut und welcher Schiedsrichter miserabel war, beurteilen stets Männer. Das Expertentum ist ihre letzte Domäne auf den öffentlich-rechtlichen Kanälen. Die Auswahlkriterien sind simpel. Infrage kommt jeder, der schon einmal das deutsche Nationaltrikot übergestreift hat. Hilfreich ist eine gewisse Medienaffinität und natürlich muss es ein „Typ“ sein. So wurden Günter Netzer, Franz Beckenbauer, Mehmet Scholl und Olli Kahn zu TV-Experten.

Dafür, dass Frauen nicht als Expertinnen für Männerfußball infrage kommen, gibt es einen einfachen Grund, sagt Dieter Gruschwitz, EM-Teamchef des ZDF: „Wir haben mit Oliver Kahn einen kompetenten Experten, der aufgrund seiner eigenen Karriere als Nationalspieler seine Erfahrungen von EM- und WM- Teilnahmen einbringen kann. Dies könnte eine weibliche Expertin nicht.“

Der Mangel an persönlichen Erfahrungen auf dem Platz als Ausschlusskriterium? Zum Glück gibt es auch Frauen, die WM- und EM-Titel gewinnen konnten. Dazu gehören zum Beispiel Silke Rottenberg und Renate Lingor. Beide holte das ZDF im letzten Jahr vor die Kamera, als Expertinnen für die Frauenfußball-WM. Doch es gibt etwas, dass die Ex-Nationalspielerinnen nicht leisten können: „Bei der Bewertung und Analyse von Frauen - und Männerspielen sind unterschiedliche Maßstäbe anzusetzen.“ Mit dieser Meinung ist ZDF-Sportchef Gruschwitz nicht alleine. Ralf Köttker, Mediendirektor des DFB, hält diese Einschätzungen für „naheliegend und absolut nachvollziehbar“. Aus Verbandskreisen heißt es, dass Frauenfußball eigenständig und getrennt vom Männerfußball gesehen werden müsse. Das bedeutet im Umkehrschluss nichts anderes, als dass ehemalige Frauenfußballerinnen über Löw, Lahm & Co. nichts zu meinen haben.

Diese strikte Trennung der Experten-Geschlechter gibt es in keiner anderen Sportart. Franziska van Almsick kommentiert seit 2005 die Leistungen deutscher Schwimmerinnen und Schwimmer, die frühere Biathletin Kati Wilhelm analysiert die Herren- und Damenstaffel und Katarina Witt kommentiert große Wettkämpfe der Eiskunstläuferinnen und -läufer bereits seit über 20 Jahren.

Nur sobald es um die Fußballnationalmannschaft der Herren geht, darf keine Frau das Spiel analysieren. Wollen Männer sich die Taktik nur von Männern erklären lassen? Möglich. So sagen würde das niemand. Immerhin, die Programmdirektion des Ersten habe keine Grundsatzentscheidung gegen weibliche Fußballexpertinnen gefällt, sagt ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky. Mit Mehmet Scholl verfüge man über einen Experten, dessen „Analysen absolut überzeugen“.

Scholl ist konkurrenzlos auf Sendung. Lediglich zu Beginn der Gruppenphase, als zwei Spiele pro Tag ausgestrahlt wurden, beschäftigte das Erste mehrere Experten. Eine Frau suchte man da vergebens. Die findet man höchstens in den Randgebieten des TV-Programms. Insgesamt 22 Gäste lud Waldemar Hartmann in seinen „EM-Club“. Nur drei davon waren Frauen. Kaum besser war das Geschlechterverhältnis, wenn Markus Lanz mit seinen Gästen über die EM redete.

Es gibt sie übrigens doch noch. Nia Künzer steht am frühen Morgen im Hafen von Danzig. Letztes Jahr analysierte sie die WM-Spiele der Frauennationalmannschaft in der ARD. Jetzt spricht die Ex-Nationalspielerin drei Sätze in das Mikrofon des „Morgenmagazin“-Moderators und geht aus dem Bild.

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