"GEFÜHLSECHT" : Schwerenöter, Gehirntumore

Eine Reihe von bemerkenswerten Film-Debüts versucht, Zwischenmenschliches neu auszuloten

Thilo Wydra
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Nicht nur Selbstgespräche. Im ersten Film von Regisseur André Erkau nähert sich der überforderte Callcenter-Coach Richard Harms...ZDF

Um deutsche Befindlichkeiten geht es. Darum, wie die Menschen in der Bundesrepublik hier und heute leben, wie sie miteinander reden und schweigen, einander lieben und ablehnen. Sieben Spielfilme junger Regisseure und Drehbuchautoren hat die Mainzer ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ 2009 für die alljährliche Sommerreihe „Gefühlsecht“ ausgesucht. Sieben Filme, wie sie einerseits unterschiedlicher nicht sein könnten, andererseits jedoch allesamt um ähnliche Themen kreisen: die Fehlkommunikation unter den Menschen, das Aneinander-vorbei-Leben, die Disharmonien hinter den Fassaden und Maskeraden, der Wunsch nach Nähe bei zwischenmenschlicher Distanz und gesellschaftlicher Kälte.

Eröffnet wird der diesjährige Nachwuchs-Reigen heute mit „Selbstgespräche“, dem Regiedebüt von André Erkau, zu dem er auch das Drehbuch schrieb. Ein Ensemble-Film, angesiedelt in einem modernen, sterilen Callcenter, an dessen Garderobe jegliche Gefühlsregung, jegliche Eigenpersönlichkeit abzugeben ist. Unentwegt wird hier telefoniert – und nichts gesagt. Kommunikation in modernen Zeiten: Leere, Einsamkeit, unerfüllte Wünsche und Bedürfnisse.

Der völlig überforderte Richard Harms (August Zirner) leitet dieses Callcenter, wo jeder Mitarbeiter (darunter auch Maximilian Brückner und Antje Widdra) sein eigenes Schicksal verfolgt, und am Schluss doch alle in einem Boot sitzen. Auf „Selbstgespräche“ folgen die Filme „Nichts geht mehr“ (Montag, 23 Uhr 40) von Florian Mischa Böder und Ed Herzogs „Schwesterherz“ (23. August).

„Früher oder später“ (läuft am 24. August) ist nach mehreren Kurzfilmen der erste Langfilm von Ulrike von Ribbeck, zusammen mit Katharina Held für Regie und Buch verantwortlich zeichnet. „Früher oder später“ ist das feinfühlige Porträt der 14-jährigen, scheuen Nora (Lola Klamroth). Mit ihren Eltern Uwe (Peter Lohmeyer) und Anette (Beate Lehmann) lebt sie irgendwo in einem Berliner Vorort, einem vermeintlichen Idyll im Grünen.

Als Thomas (Harald Schrott), ein ehemaliger Liebhaber von Mutter Anette, in das Nebenhaus zieht, kommt Unordnung in das feste Gefüge, da wird aufgewirbelt, was längst festgetreten schien. Nora verliebt sich in den Schwerenöter Thomas, ist der Ex-Schauspieler doch so ganz anders als all das, was sie aus der eigenen Familie kennt. Thomas wird zur Projektionsfläche der romantischen Nora. Mehr und mehr spitzt sich die Situation zu, bahnt sich die Katastrophe an, bricht die Lebenslüge auf. Eine einfühlsame Introspektion in das unruhige, aufgewühlte Gefühlsleben eines jungen, mit der Erwachsenenwelt konfrontierten Menschen.

Zusammen mit „Früher oder später“ der wohl schönste Film der Reihe ist das Regiedebüt der Schauspielerin Ulrike Grote, „Was wenn der Tod uns scheidet?“ (31. August), zu dem sie zusammen mit Ilona Schultz auch das Drehbuch verfasste. Monica Bleibtreu ist hier in einer ihrer letzten Rollen zu sehen. Grotes Debüt ist ein Episodenfilm in „Short Cuts“-Manier und erzählt in verschiedenen Handlungssträngen die Schicksale von einem guten halben Dutzend Menschen. Schicksale, die sich mehr und mehr berühren, und die allesamt in ein Krankenhaus führen, dorthin, wo einige der Protagonisten arbeiten und andere eingeliefert werden. Da ist etwa Sophie (Naomi Krauss), die mit ihren drei Söhnen zu Hause sitzt, während Gatte Joachim (Ulrich Noethen) umtriebig als Journalist um die Welt reist.

Zumindest am gemeinsamen Hochzeitstag will Joachim zu Hause sein und Sophie überraschen. Doch als er vom Flughafen nach Hause kommt, sind nur die drei Söhne und das übliche Chaos anzutreffen. Sophie trifft sich derweil im Hotel mit dem Arzt Paul (Eckhard Preuss), mit dem sie seit einiger Zeit eine Affäre hat.

Als Sophie unter der Dusche zusammenbricht, wird sie just in jenes Krankenhaus gebracht, in dem ausgerechnet ihr Liebhaber Paul und seine Frau Nele (Janna Striebeck) als Ärzte beschäftigt sind. Und hierher kommt nachts schließlich auch Joachim, ihr Mann. Die Computertomografie ergibt, dass Sophie einen Gehirntumor hat. Die Affäre fliegt auf, beide Paare müssen sich neu ordnen, müssen nun neue Wege gehen, miteinander oder ohne einander.

Herausragend ist die Darstellung der Krankenhaus-Ärztin Nele durch Janna Striebeck, die das verzweifelte Festhalten der Ärztin an ihrem verstorbenen Sohn, dieses Partout-nicht-loslassenKönnen, intensiv und lebensnah interpretiert. Grotes Film ist eine sensible, subtile, melancholische und doch auch humorige Abhandlung über das Leben und das Sterben – und auffallenderweise ist es denn auch jener Film aus der siebenteiligen Reihe, der vom Mainzer Sender am prominenten Fernseh-Montagabend zur Primetime ausgestrahlt wird (31. August).

Abgeschlossen wird dieser Überblick über den Facettenreichtum junger deutscher Filmschaffenden mit Oliver Jahns „Die Eisbombe“ am 7. September und „Die Anruferin“ (14. September) von Felix Randau.

„Selbstgespräche“, ZDF, 23 Uhr 30; Auftakt der siebenteiligen Film-Reihe „Gefühlsecht“, jeweils sonntags und montags

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