Gernot Hassknecht : „Mein Lieblingscholeriker? Wehner!“

Der Schreihals aus der „heute-show“: Hans-Joachim Heist über Gernot Hassknecht, über Wut und Visionen. Und die Frage, welches Amt in der großen Koalition er gerne hätte.

Foto: Willi Weber.
Gernot Hassknecht alias Hans-Joachim Heist.Foto: Willi Weber

Herr Heist, was würde Gernot Hassknecht aktuell zur großen Koalition sagen?

Große Koalition – große Scheiße!

Und Sie?

Ich als Hans-Joachim Heist sage, dass eine große Koalition nicht gut für das Land ist, weil die Opposition viel zu schwach ist.

Als Choleriker Gernot Hassknecht treten Sie in der „heute-show“ des ZDF auf. In Hassknechts Schimpftiraden zeige sich „die ganze Verzweiflung eines öffentlich-rechtlichen Journalisten über seine Machtlosigkeit“, schrieb der „Spiegel“ einmal. Fühlen Sie sich tatsächlich machtlos?

Nein, Kabarettisten waren schon immer Mahner und Denker. Als solche wird man manchmal wahrgenommen und manchmal nicht, aber machtlos ist man eigentlich nur, wenn man gar nichts tut.

Aber wenn man gehört wird und es ändert sich trotzdem nichts, besteht da nicht die Gefahr, zum Zyniker zu werden?

Es gibt sicherlich viele Kabarettisten, die daran verzweifelt sind. Aber Satire und Kabarett sind zugespitzte Formen der Mahnung und es ist ja auch alles subjektiv. Der eine denkt so, der andere so, es wird also nie eine objektiv wahre Aussage eines Kabarettisten geben.

Wie schafft man es, nicht zu verzweifeln?

Indem man erdverbunden ist und weiß, wie diese Welt und unsere Regierung funktionieren. Wir haben eine parlamentarische Demokratie, das bedeutet, dass man nie alles so durchsetzen kann, wie man es persönlich gerne hätte und als vollkommen richtig betrachtet. Es sind immer Kompromisse notwendig.

Sie haben für die SPD ja selbst mal im Stadtrat gesessen.

Ja, ich war sechs Jahre lang Stadtverordneter. Da lernt man sehr schnell, dass man auch andere Meinungen respektieren muss. Und man wird endlos mit Papier zugeschmissen, deswegen muss man sich spezialisieren.

Ihr Kollege Christoph Maria Herbst hat die heutigen Politiker einmal als „eloquente Zombies“ beschrieben, die immer dieselben Sätze und Phrasen wiederholen.

Natürlich sind im Moment viele Politiker austauschbar. Es gibt diese Ecken und Kanten, die Politiker früher hatten, einfach nicht mehr. Die sind wirklich sehr oft weichgespült und aalglatt, da sind aber auch die Medien dran schuld.

Warum das?

Politiker sind auch nur Menschen mit Fehlern, wenn sie aber welche machen, werden sie fertiggemacht. Das ist jetzt eine Aussage, die Hassknecht nie machen würde, sondern das sagt jetzt Hans-Joachim Heist. Die Medien schlachten die Dinge aus, die Politiker versuchen möglichst gut dazustehen, das ist das Problem.

Ein lösbares Problem?

Es muss wieder Politiker geben, die sich nicht scheuen, gegen den Strom zu schwimmen, die versuchen, ihre Visionen durchzusetzen. Es gibt wenige Politiker mit Visionen. Und die anderen machen Politik von einer Wahl zur nächsten, das ist nicht genug, das reicht nicht.

Vielleicht leben wir einfach in einer Ära ohne Visionen, in der man auf Sicht fährt.

Es gibt Visionen. Wie man zum Beispiel das ökologische System ändern könnte, indem man sämtliche Atomkraftwerke abschaltet. Es gibt Visionen, wie man einen Sozialstaat noch runder, noch besser machen kann, ohne dass ein Familienvater mit zwei Kindern am Ende des Monats zum Amt gehen muss, weil nicht genug Geld da ist. Wir leben in einem sehr reichen Land, da gibt es so viele Möglichkeiten. Aber das ist eben nicht in vier Jahren realisierbar, von einer Wahl zur nächsten. Da muss man weiter denken.

Wenn Sie Politiker wären, was wären Sie: Volkstribun, Realpolitiker, Fundi, Technokrat, Populist?

(Lacht)Volkstribun wäre ich am liebsten! Ernsthaft, wenn ich heute in der Politik wäre, würde ich natürlich versuchen, meine Vision und mein Verständnis von Politik zu vertreten und das natürlich, wie Gernot Hassknecht, lautstark. Ich habe das Gefühl, dass man in unserer Gesellschaft nicht mehr gehört wird, wenn man nicht laut auf den Tisch haut.

Welches Amt hätten Sie denn gern?

Ich würde mich für das Arbeits- und Sozialministerium bewerben.

Unter welchem Kanzler?

Och, das wäre mir dann egal, wer unter mir Kanzler ist.

Haben Sie einen Lieblingscholeriker?

Herbert Wehner!

Wie oft müssen Sie Ihre Auftritte als Gernot Hassknecht wiederholen, bis alles im Kasten ist?

Das kommt darauf an, wie aufwendig es jeweils ist. Manchmal klappt es beim ersten Mal, manchmal muss man es sechsmal probieren.

Werden Sie immer besser, je öfter Sie cholerisch werden müssen, oder laugt es aus?

An Kraft habe ich noch nie verloren. Auch wenn alle gesagt haben, dass es gut ist, habe ich geantwortet: Nein, das geht noch besser!

Sie gehen mit der Rolle auch auf Tour. In welcher Gegend kommen Sie als Choleriker auf der Bühne am besten an?

Überall gleich!

Fürchten Sie manchmal, dass man Sie nur noch als Choleriker betrachtet?

Wissen Sie, ich bin inzwischen in einem Alter, da hat man damit keine Probleme mehr. Natürlich wird man in eine Schublade gesteckt, das ist klar.

Der Vorteil: Keiner kommt Ihnen dumm.

Das ist schon eine tolle Sache, wenn man so eine Rolle bekommt und populär wird. Das ist ein Geschenk. Im realen Leben bin ich ein friedlicher Mensch, da bin ich eher wie Heinz Erhardt, mit einem Schalk im Nacken.

Kann man als Choleriker glücklich sein?

Ich persönlich bin glücklich, wenn es meiner Familie und mir gut geht. Ich bin auch mit meiner Heimat sehr verbunden, das empfinde ich als Glück, einen Rückzugspunkt zu haben. Die Figur Gernot Hassknecht ist sicher auch mal glücklich, für ihn ist es Glück, wenn er seinem großem Hobby nachgehen kann: Beschwerdebriefe schreiben.

Wenn alles gut wäre, wäre Gernot Hassknecht unglücklich?

Genau so ist es, aber in einem Land wie Deutschland wird das nicht passieren.

Das Gespräch führte Marcus Ertle.

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