Medien : Gerüchte statt Berichte

In der Politik ist derzeit alles möglich. Das schafft Raum für die unmöglichsten Spekulationen

Peter Siebenmorgen

Die älteste, noch heute erscheinende Zeitung der Welt, die „Wiener Zeitung“, wurde 1812 vom Privatunternehmen zum offiziellen Verlautbarungsorgan der österreichischen Staatsregierung. Warum der Staat damals eine eigene Zeitung haben wollte, lag auf der Hand. Von allzu großer Informationsfreiheit sah er sich bedroht, unliebsame Nachrichten wurden, wie das auch heute in der Politik noch üblich ist, gern als freie Erfindungen, als übles Geschwätz abgetan. Ein staatserhaltendes Gegengewicht musste her, daher die „Wiener Zeitung“ als Staatsorgan. Bis vor wenigen Jahren prangte stolz in deren Titelkopf ein vor diesem Hintergrund schon nicht mehr kurioser Wahlspruch, der versprach: „Berichte statt Gerüchte“ biete diese Zeitung!

„Gerüchte statt Berichte“ – diesen Vorwurf hat die Politik allerdings bis heute stets auf Lager, wenn die Medien geheime Pläne, unliebsame Entwicklungen oder lichtscheue Absichten aufdecken. Aber natürlich kann man daraus noch nicht den Umkehrschluss ziehen, dass alles, was „Gerücht“ genannt wird, in Wirklichkeit eine brandheiße Nachricht ist. Manches „Gerücht“ ist wirklich nur ein Gerücht.

Besonders gute Konjunktur, könnte man meinen, haben echte Gerüchte, wenn es wenig berichtenswerte Nachrichten gibt. In Ermangelung spannender News machen sich die Medien dann eben mit Spekulativem, gar mit Erfundenem interessant. Doch geradezu das Gegenteil trifft zu, wie man in der vergangenen Woche wieder einmal studieren konnte. Selten sind die politischen Zeiten derart aufregend wie im Moment, es gibt wirklich sehr viel Interessantes und Neues zu berichten. Wann bricht schon einmal eine Regierung derart sang- und klanglos zusammen. Doch ausgerechnet jetzt reichen spannende Neuigkeiten nicht aus, in Zeiten sensationeller Nachrichten haben immer wieder auch die Gerüchteküchen Hochbetrieb. So hat der Bundeskanzler erklärt, er strebe vorzeitige Neuwahlen an, eigentlich sensationell genug, und schon wollen einige Medien wissen, dass es noch toller komme werde: Schröder werfe die Brocken hin, trete gar zurück.

Dieser scheinbare Widerspruch, dass Gerüchte es anscheinend umso leichter haben, je spannender die tatsächliche Wirklichkeit ist, lässt sich leicht aufklären. Gerade der Blick zurück auf die vergangenen drei Wochen erklärt da manches: Die politische Lage ist hochnervös und gereizt, niemand kann so recht verstehen, was den Kanzler und den Vorsitzenden der SPD zu dem waghalsigen Schritt veranlasst haben mag, mit einer gescheiterten Vertrauensfrage den Weg für außerplanmäßige Neuwahlen zu öffnen. Was haben sie sich dabei gedacht? Wie ist es soweit gekommen? Wo wollen sie am Ende hin? Die eine Sensationsnachricht gibt eine Antwort – und wirft gleich tausend Fragen auf. Und diese lassen sich eben nicht so ohne weiteres beantworten, regen mithin die Interpretationskunst und die Fantasie an. Unter der Überschrift „Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch einen Möglichkeitssinn geben“ hat Robert Musil am Beginn seines „Mann ohne Eigenschaften“ eine plausible Erklärung für den jetzt beginnenden Eskalationsprozess von Nachricht und Gerücht gegeben: „So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen, als das was nicht ist.“

Für diesen Umstand, dass gegenwärtig das Mögliche noch spannender als das Wirkliche genommen wird, gab es in der vergangenen Woche einen schlagenden Beweis. Denn völlig untergegangen im Rätselraten darüber, was Schröder jetzt noch machen will und kann, ist ein sensationelles Zitat des Kanzlers, das man in der „Zeit“ nachlesen konnte und das in normalen Zeiten haushohe Wellen geschlagen hätte. Das Blatt zitiert nämlich den Kanzler unwidersprochen mit den Worten, das „ eigentliche Problem“ der rot-grünen Koalition sei während der gesamten Regierungszeit gewesen, zur konkreten „gesellschaftlichen Situation“ nie gepasst zu haben. Nimmt man Schröder beim Wort, dann heißt das: Alles falsch, alles Irrtum – Rot-Grün, ein einziger Irrweg. Weil aber Rot-Grün als Perspektive über die Bundestagswahl hinaus ohnedies längst abgehakt ist, der Möglichkeitssinn sich längst zu Wirklichkeitssinn verfestigt hat, ist das ganz offenkundig weit weniger interessant als die Fantasie, wie der Untergang dieser Koalition in seinen letzten Zügen vonstatten gehen wird. So besehen wäre die weitere aberwitzige Wendung eines auch jetzt noch überraschenden Kanzlerrücktritts ziemlich spannend. Weil die der Wirklichkeitssinn einstweilen aber nicht hergibt, ist der Möglichkeitssinn gefragt. Gerüchte statt Berichte.

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