GESCHLECHTER UND TV : Hirne wie die Seesterne

Alles nur Gerüchte: Warum Frauen zu viel fernsehen und Männer die falschen Programme einschalten.

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Zusammen ist man weniger allein. Das gilt auch fürs Fernsehen. -Foto: avatra images

Also sprach Katja Hofem-Best: „Fernsehen war relativ einfach, weil Männer sehr einfach ticken. Man muss ein paar Knöpfe bedienen und dann funktioniert es sehr, sehr gut.“ Ölverschmierte Typen, qualmende Reifen und am besten noch etwas, das in die Luft fliegt – so simpel seien Männer vorm Fernseher.

Hofem-Best hat ihre eigene Empirie-Erfahrung. Sie war Chefin des Männersenders Dmax und hat dort genau das Fernsehen gemacht, deren Zielgruppe sie so eindeutig, ja simpel beschrieben hat. Jetzt hat Hofem-Best das Geschlecht gewechselt, sie ist jetzt Chefin des neuen Frauensenders Sixx, der am 7. Mai startet. Die Programmchefin weiß, was Frauen wollen. Sie „haben einen großen Anspruch ans Programm, an Qualität und an Inhalt“.

Was stimmt: Je spitzer ein Programm in der Zielgruppe, desto spitzer das Programmprofil. Dmax, in Teilen auch der Newssender N 24 leben vom männlichen Publikum, das große Räder, große Flugzeuge, eben Spielzeuge liebt. Sixx wird das Frauchen-Bildchen ins Passepartout nehmen.

Was aber sagen die Zahlen, die Einschaltquoten? Zunächst sehen Frauen mehr fern als Männer, im Schnitt sitzt jede Deutsche ab 14 Jahren täglich 237 Minuten vor dem Apparat, jeder Deutsche macht laut Zuschauerforschung von AGF/GfK bei 207 Minuten Halt. Frauen sind weniger berufstätig und damit mehr zu Hause. Das macht anfälliger fürs Einschalten und, so hofft jedenfalls Hofem-Best, affiner für Geschlechterfernsehen.

Differenziert man die Nutzung nach Sparten, tut sich kein Graben zwischen den Geschlechtern auf. Frauen nutzen die Informationsangebote zu 36 Prozent, Männer zu 35 Prozent. Beim Sport öffnet sich die Schere – elf Prozent (Männer) zu fünf Prozent (Frauen) –, die sich bei der Unterhaltung wieder schließt (Frauen: 15 Prozent / Männer: 13 Prozent). Ähnlich bei der Fiktion – Frauen: 33 Prozent, Männer: 31 Prozent –, ähnlich bei der Werbung (acht Prozent zu sieben Prozent).

Vom Sport abgesehen, scheinen sich Männer und Frauen bei nichts so gut zu verstehen wie beim Fernsehen. Generell stimmt das, doch im Detail braucht es im Haushalt zwei oder mehrere TV-Apparate, sollen die unterschiedlichen Interessen befriedigt werden. Sind die Männer an Leibesübung doppelt so stark interessiert wie die Frauen, dann liegen die Zuschauerinnen bei Telenovelas und Daily Soaps klar vorne, wie Stefan Geese von der ARD-Medienforschung berichtet. Auch die Serien, die unter der Etikettierung „Familie/Unterhaltung“ firmieren, stehen bei Frauen doppelt so hoch im Kurs.

Gerade wenn es um die serielle Darstellung von Lebenswelten geht, spricht diese Fiktion tendenziell eher die Frauen an. Der Degeto-Film am Freitagabend im Ersten sowie das Rosamunde-Pilcher-Gegenstück am Sonntag im Zweiten gehen Frauen mehr zu Herzen. Weiche Frauen, harte Kerle? Stimmt nicht, Krimiserien werden von Zuschauerinnen und Zuschauern gleich gern gesehen. Auch Nachrichten ziehen beide Geschlechter an.

Das Publikum reagiert auch sehr viel weniger auf Sender als auf Sendungen. Der Marktanteil von Dmax liegt bei knapp einem Prozent, genauso bescheiden ist das Ziel von Sixx. Anders: Je simpler ein Sender die Geschlechter bedient, desto geringer sein Erfolg. Für die Verarbeitung reicht das Gehirn eines Seesterns.

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