Medien : Gören-Alarm

Durchs Fluchen ist Sarah Kuttner bei Viva bekannt geworden. Am Freitag moderiert sie den Grand-Prix in der ARD

Hannah Pilarczyk

„Guckt mal“, sagt Sarah Kuttner, „was ich zwischen den Zähnen hatte?“ Sie hält etwas grünlich-transparentes mit Punkten drauf zwischen den Fingern. Es sieht aus wie ein Libellenflügel.

Sarah Kuttner, 24, sitzt im Café „Osswald“ im Prenzlauer Berg. In der letzten Stunde hat sie Rührei, Nudelsalat und ein Brötchen gegessen und dabei ihrem Image von der rotzigen Göre erstaunlich gut entsprochen. Vom Brötchen ist irgendwann eine Hälfte auf den Boden gefallen. Sie hat sie liegen gelassen.

Am kommenden Freitag tritt Sarah Kuttner, Viva-Moderatorin und Tochter des Ost-Kult-Moderators Jürgen Kuttner, zum ersten Mal vor einem Millionen-Publikum auf: Sie wird den deutschen Grand-Prix- Vorentscheid moderieren. Eine Sendung, die gar nicht zu ihr zu passen scheint. Die Programmzeitschrift „TV Spielfilm“ fragte sich schon, ob sie ihre „üblich hysterische ,Scheiße’- und ,Geilomat’-Moderation“ – sie redet wirklich manchmal so!– „den gepflegteren ARD-Konventionen“ anpassen werde. Aber vielleicht muss sie das gar nicht: Diesmal soll alles anders werden beim Grand-Prix. Die Teilnehmer sollen keine Schlagersänger mehr sein, sondern Popstars: Sogar Sabrina Setlur und die Casting-Band Overground machen mit. Die Lieder mussten sich in den Charts platzieren, um es in den Vorentscheid zu schaffen. Das soll dem Gewinnersong größere Chancen im internationalen Hauptwettbewerb und der Sendung jüngere Zuschauer bringen. Sarah Kuttner ist für die Jüngeren zuständig. Die ARD hat ihr Jörg Pilawa als Komoderator zur Seite gestellt, der dafür bekannt ist, besonders gut bei den Älteren anzukommen. Denn das Stammpublikum soll trotz allem nicht verprellt werden.

Sarahs Weg zum Grand-Prix fängt eigentlich in London an. Nach dem Abitur arbeitet sie dort für ein paar Monate in einem Second-Hand-Shop. Sie lernt den Korrespondenten des „Spiegel“ kennen, renoviert ihm sein Haus. Und bekommt so, was in der Medienbranche ziemlich kostbar ist: ein Praktikum beim „Spiegel“. Zurück in Berlin hospitiert sie bei „Radio Fritz“, bei dem bereits ihr Vater Jürgen Kuttner moderiert. Er gehört zu den profiliertesten Stimmen des Senders, auch nach der Affäre um mutmaßliche Stasi-Kontakte. Sarah Kuttner wird bei „Fritz“ freie Mitarbeiterin und macht Reportagen, Interviews, CD-Kritiken. Wichtiger noch als der Vater ist der Kollege, der sie beim Herumkaspern im Studio beobachtet und meint, sie gehöre eigentlich ins Fernsehen. Es folgt die Bewerbung bei Viva. Sie setzt sich gegen 1500 Mitbewerberinnen durch. Seitdem moderiert sie die Nachmittagssendung „Interaktiv“ und ist mittlerweile, so heißt es, neben Charlotte Roche die beliebteste Moderatorin. Normalerweise interviewt sie DJ Bobo oder „Superstar“ Alexander Klaws, aber zur Bundestagswahl 2002 auch die Generalsekretäre von SPD und CDU. Das Gespräch mit dem SPD-Politiker leitet sie mit den Worten ein: „Der eine oder andere hat sich vielleicht gefragt: Who the fuck ist Franz Müntefering?“

So redet Sarah Kuttner: im Fernsehen, aber auch heute beim Interview. Diese ungeschliffene Art hat sie zu ihrem Markenzeichen gemacht. „Wenn ich jemanden doof finde, zeige ich ihm das. Und wenn ich jemanden super finde, zeige ich ihm das“, sagt sie. Tatsächlich ist sie erfreulich anders als viele der gestylten Mädchen auf Viva. „Ich finde es gut, wenn man selber mal total blöd bei etwas wegkommt“. Was wohl nur zutrifft, wenn sie steuern kann, wann das der Fall ist. In ihrer Live-Sendung „Interaktiv“ macht sie Witze über ihre eigenen Versprecher und verhunzten Pointen. „Das mache ich nicht, um den Leuten zu zeigen: Ich bin so wie ihr. Sondern weil es einfach Spaß macht.“ Den Spaß versteht nicht jeder. „Ich krieg’ ja schon noch ordentlich aufs Maul“, sagt sie. Vor ein paar Tagen hat sie während einer Sendung verkündet, sie wolle Musikvideos von momentan sehr erfolgreichen Rappern wie 50 Cent nicht mehr sehen. Sie nennt sie „Gangster-Rap-Scheißvideos mit Titten, Ärschen und Juwelen“. Es folgte eine Flut von hasserfüllten E-Mails, sogar Morddrohungen. „Mir geht so etwas eigentlich nicht besonders nah. Aber diesmal war das so viel, dass ich noch mal schlucken musste.“

So richtig scheint es sie aber nicht zu berühren. Dafür gefällt es ihr zu sehr, ihre Angriffsflächen zu präsentieren. Wie zum Beispiel mit ihren Nacktfotos für den „Playboy“. Im Sommer 2003 war sie das Titelmädchen. Natürlich ist ihr das heute nicht peinlich – ihr ist vom Prinzip her nichts peinlich. Aber dass in Zeitungsartikeln hinter ihrem Namen in Klammern öfters „ehemaliges Playboy-Model“ steht, nervt sie. Sie verkündet eilig, dass es keine weiteren Bilder dieser Art geben wird.

Auf ihre Homepage hat sie Schnappschüsse von sich und ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg gestellt. Sie zeigen Shampoo und Quietsche-Entchen am Badewannenrand, eine Zigaretten-Kippe in der Kloschüssel. Als Motto steht darüber: „…Und ich frage mich gelegentlich: Bin das ich, oder bin ich schon so wie die im fernsehen…“ Die Seite ist sehr liebevoll gemacht. Letztes Jahr war sie für den Online-Award des Grimme-Instituts nominiert. Sarah Kuttner verliert gegen „Käpt’n Blaubär“, sie ist bei der Preisverleihung richtig sauer.

Viva ist für Sarah Kuttner nur eine Karriere-Station auf Zeit, sagt sie, das sagen eigentlich fast alle Viva-Moderatoren. Sie träumt schon von einer Sendung, „auf die ich total stolz bin und mit der Leute, die ich mag, auch leben können. Wenn dann Deutschland nicht zuguckt, ist mir das auch egal.“ Erste Gespräche mit dem ZDF hat es bereits gegeben. Erst steht am Freitag aber der Grand- Prix-Vorentscheid an. Dann zeigt sich auch, wie sie mit Jörg Pilawa kann. „Der ist aber sehr, sehr nett“, sagt Sarah Kuttner: „Und ich erzähl’ das nicht, weil ich muss, sondern weil ich selber komplett überrascht davon bin.“ Die Arbeitsteilung zwischen den beiden scheint dennoch klar zu sein. „Wir versuchen aber, dass nicht so offensichtlich zu machen. Nicht so: Sarah macht die Witze und ist charmant jung – und Jörg Pilawa siezt alle Leute.“

Sie hat sich ihr Outfit für die große Show schon ausgesucht. „Hat alles zusammen höchstens 20 Euro gekostet!“, sagt sie. Ein paar Tage später ist alles über den Haufen geworfen: „Ich habe eine Million anderer Ideen.“ Sie weiß wirklich, was man für das Image von der rotzigen Göre tun muss.

„Germany 12 Points! Wer singt in Istanbul?“, am kommenden Freitag, 20 Uhr 15, ARD

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