Gonzo-Journalismus : Allein unter Swingern

BBC-Reporter Louis Theroux ist bei den Sonderlingen und Extremisten dieser Welt zu Hause. Warum sich dem Charme des Journalisten niemand entziehen kann.

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Gerne auch mit Löwen. Louis Theroux scheut die Großwildjagd nicht. Foto: ZDF
Gerne auch mit Löwen. Louis Theroux scheut die Großwildjagd nicht. Foto: ZDFFoto: Guy Stubbs ; BBC

Seinem Charme kann sich keiner entziehen. Nicht der Neonazi-Veteran, mit dem er ein ausschweifendes Wochenende in Tijuana verbringt. Nicht einmal der Anführer einer Gruppe schwarzer Nationalisten in Harlem, der mit allen Weißen auf Kriegsfuß steht. Louis Theroux hat ein simples Erfolgsrezept: Er ist sympathisch. Er mischt Höflichkeit, Offenheit, Witz und Intelligenz. Das öffnet ihm Türen und seinen Zuschauern Einblicke, die zum Spannendsten gehören, was man in Fernsehreportagen zu sehen bekommt.

Mit seiner Methode gehört er zum sogenannten Gonzo-Journalismus, dieser von Kultautor Hunter S. Thompson entwickelten Form der teilnehmenden Berichterstattung. Auch Theroux stürzt sich ins Geschehen, ist lieber mittendrin statt nur dabei. Bei Extrem-Bodybuilderinnen und ihren männlichen Groupies. Unter Fernsehpriestern, Hypnotiseuren, Alien-Jägern.

Zugegeben, andere gehen noch weiter. Der australische Borderline-Journalist John Safran zum Beispiel, der für seine Reportagereihe „John Safran vs. God“ die verschiedensten Religionen, Sekten und Kulte ausprobiert und sich im Finale einem verstörenden Exorzismus unterzieht. Dagegen ist Louis Theroux für einen TV-Reporter geradezu verklemmt. Auf einer kalifornischen Swinger-Party hält er sich unzähligen Aufforderungen zum Trotz aus dem Getümmel raus und steigt schließlich als Zugeständnis verschämt in den Pool. Louis Theroux kennt Grenzen und hält sie ein.

Sein Ziel ist es, tief in die Materie vorzudringen, Einblick in fremde Welten zu gewinnen. Zur Unterhaltung des Publikums seine Gesundheit oder seine Würde zu riskieren, hat er nicht nötig. Was nicht bedeutet, dass er nicht regelmäßig in brenzlige Situationen gerät. Das bringt die Auseinandersetzung mit Extremisten, Drogensüchtigen und Kriminellen nun einmal mit sich. Er nimmt Menschen ernst, die es gewohnt sind, als verrückt und gefährlich abqualifiziert zu werden, und begegnet ihnen aufgeschlossen und vorurteilsfrei.

So viel Intelligenz und Differenziertheit im Fernsehen sind selten. Die voyeuristischen und manipulativen „Reality-Dokus“ (RTL) haben die TV-Reportage in Verruf gebracht. Zwischen Ordnungshütern und Frauentauschern eine Figur wie Louis Theroux zu finden, ist angenehm, überraschend. Verzweifelt bemüht sich ZDFneo, das sieben seiner Reportagen ausstrahlt, um eine Einordnung, vergleicht ihn mit Borat und Michael Moore und liegt damit sagenhaft daneben. Theroux ist kein Provokateur, der sich lächerlich macht, um andere der Lächerlichkeit preiszugeben. Ebenso wenig ist er ein Propagandist eigener Vorstellungen, dessen tendenziöse Fragen auf eine Wahrheit abzielen, die er von Anfang an kennt. Dass er einen Standpunkt hat, ist die Voraussetzung für ein interessantes Gespräch. Aber er nimmt dem Zuschauer nicht das Denken ab. Das Publikum muss die Schlüsse aus den Antworten ziehen.

Insofern ist es kurios, dass Theroux, der aus einer Künstlerfamilie kommt – Vater Paul und Bruder Marcel sind Reise- und Romanautoren – seine Karriere ausgerechnet beim Demagogen Moore begann: Mitte der 90er Jahre, als Korrespondent in der US-Satiresendung „TV Nation“. 1998 folgt dann mit „Weird Weekends“ die erste eigene Sendung in der BBC. Es wäre einfach, diese Exkursionen ins Skurrile als Freakshow zu inszenieren und die nicht selten versponnenen Gesprächspartner als Spinner darzustellen, aber daran hat Theroux kein Interesse.

„Das Seltsamste an seltsamen Leuten ist, wie normal sie eigentlich sind“, lautet seine Devise. Diese Normalität noch im weltabgewandten Sonderling aufzuspüren, ist seine Mission. David Assmann

„Louis Theroux: Ein Urlaub zum Töten – Mit Jagdtouristen auf Safari“, ZDFneo, 22 Uhr 45

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