Medien : Gott in der Warteschleife

Tom Peuckert

Manchmal vergehen Jahrhunderte, bis ein Theaterklassiker seinen Weg ins Radio findet. Dann ist man natürlich besonders gespannt, ob sich das Werk auch beim bloßen Hören bewähren wird. Lessing hat seine „Emilia Galotti“ für die aufsteigende bürgerliche Klasse geschrieben. Ein Trauerspiel über adlige Macht und bürgerliche Ohnmacht, über gezähmte Vernunft und unbezähmbare Gefühle. Seither ist viel Zeit vergangen. Was fühlt eine Emilia des Jahres 2006? Wer sind heute die Schurken, wer die moralischen Helden? Regisseur Leonhard Koppelmann hat versucht, das alte Trauerspiel an unsere Lebenserfahrung zu adaptieren (SWR 2, 25. Mai, 16 Uhr 05, Kabel UKW 107,85 MHz).

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Auch Henrik Ibsens „Hedda Gabler “ ist über hundert Jahre alt, aber noch immer wird sie im Theater mühelos als Figur der Gegenwart entdeckt. In der schönen Hörspielfassung von 1990 spielt Sabine Sinjen die Hauptrolle (Deutschlandradio Kultur, 25. Mai, 18 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

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Gerda ist eine Frau in den mittleren Jahren, die gerade ihren Ehemann erstochen hat. Jetzt versucht sie, mit Gott zu telefonieren. Sie will ihm das alles erklären. Warum ihre Küche blutverschmiert ist und wie das mit dem allgemeinen Zustand der Welt zusammenhängt. Auf dem telefonischen Weg zu Gott bleibt Gerda in der Warteschleife hängen, was sie aber nicht am Reden hindert. Elo Sjogrens Hörspiel „Hallo Gott“ inszeniert eine Lebensbilanz als fernmündlichen Amoklauf (Kulturradio, 26. Mai, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

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Der gemeine Heiratsschwindler dürfte mittlerweile zu einer aussterbenden Spezies gehören. Trotzdem ist das Interesse des Publikums groß, wenn von seinen Taten die Rede ist. Autorin Rosvita Krausz hat dem Heiratsschwindler ein Feature gewidmet. Sie erzählt einen charakteristischen Fall. Der finale Stoßseufzer der Betrogenen wird hier zum Titel: „Aber schön war es doch“ (Deutschlandfunk, 28. Mai, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

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Irgendwann hat unsere Vorfreude auf die Fußballweltmeisterschaft ein bisschen Schaden genommen. War es, als publik wurde, dass die FIFA von jedem eine Gebühr kassieren will, der öffentlich das Wort Fußballweltmeisterschaft gebraucht? Als wir auf einem großformatigen Plakat hinter dem Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“ das Copyright-Zeichen entdeckten? Da wussten wir, dass dieses Turnier vor allem ein Geschäft ist. Organisiert wie ein Wirtschaftskrieg. „Geld stinkt nicht“ heißt ein Feature von Wolf-Sören Treusch, das die FIFA angemessen nüchtern betrachtet. Eine Organisation als gigantische Maschine zum Geldverdienen. Treusch interessiert sich für die Geldströme, die hier fließen. Wer sind die Gewinner, wer die Zahler? (Deutschlandradio Kultur, 29. Mai, 19 Uhr 30)

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