Medien : Grimme-Preise: Fernsehen ist gut

Sybille Simon-Zülch

Der endgültige Niedergang des Fernsehens - ach was: unserer Gesellschaft - galt schon als ausgemachte Sache: "Big Brother" hier, Zlatko da: "Real Life-TV" als apokalyptische Zukunftsperspektive wurde im vergangenen Jahr unermüdlich prognostiziert. Nun ist aber im Windschatten des Containerfernsehens etwas geschehen, was selbst den missmutigsten Pessimisten an seinem Weltbild zweifeln lassen müsste: Die nominierten Fernsehproduktionen für den Adolf Grimme Preis waren seit langem nicht mehr von so hoher Qualität wie im "Big Brother"-Jahr 2000.

Und noch eine gute Nachricht für alle, die der dramatisierenden Ver-Knopp-ung von Geschichte des ZDF überdrüssig sind: Es gibt nicht nur erstaunlich viele Varianten, historische Themen seriös und trotzdem unterhaltsam darzustellen - es gibt vor allem die unübersehbare Tendenz, in die verschiedensten Bereiche der Geschichte - sei sie subjektiv erlebt oder objektiv rekonstruiert - hinein zu leuchten und das Genre des Dokumentarischen wieder zu beleben.

Diese Tendenz zeigt sich - inhaltlich oder formal - sogar im Bereich "Fiktion & Unterhaltung": im Fernsehfilm. Mit dem Politthriller "Das Phantom" wagt sich Pro 7 an die Geschichte der RAF heran. Und wenn auch der Film von der fragwürdigen These einer staatlichen Verschwörung ausgeht, wird doch immerhin der ernsthafte Versuch unternommen, das junge Pro 7-Publikum mit einem Thema der jüngeren Geschichte zu konfrontieren, das in seiner politischen Brisanz über die TV-Movie-Unterhaltsamkeit hinausgeht.

Hendrik Handloegten kehrt mit seinem Studienabschlussfilm "Paul is dead" in die eigene Kindheit zurück und rekonstruiert die Entstehung des berühmten Gerüchts, der Beatle Paul McCartney sei tot und nur noch ein Double seiner selbst. Und die sensationelle Qualität der "Polizistin" verdankt sich nicht zuletzt einem Inszenierungsstil und einer Bildästhetik, die auf höchst kunstvolle Weise die Suggestion des Reportagehaften, Dokumentarischen erzeugen: formale Reverenz an einen Journalismus, der seit Jahren immer wieder für tot erklärt wird, sich aber in diesem Jahr im Bereich "Information & Kultur" in schönster Lebendigkeit präsentiert. Man denkt unwillkürlich an Alexander Kluges Geschichtslehrerin Gabi Teichert ("Die Patriotin"), die buchstäblich an den Wurzeln grub, um Geschichte zu verstehen: So hartnäckig und um Aufklärung oder Neudeutung von längst Vergesse-nem bemüht, sind die Dokumentarfilmer und Reporter an ihre Themen herangegangen.

Die wagemutigste Ausgrabung von Quellenmaterial hat Eyal Sivan mit seinem Eichmann-Porträt "Ein Spezialist" unternommen: Indem er sich die künstlerische Freiheit nahm, die dokumentarischen Aufzeichnungen der Gerichtsverhandlungen zu komprimieren, zu digitalisieren und ihnen eine dramaturgische Form zu geben, hat er das Psychogramm eines furchterregend normalen Vernichtungsbürokraten ins Heute zurückgeholt. Auch mit Thomas Giefers "Lumumba - eine afrikanische Tragödie" wird längst vergessenes Quellenmaterial aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in die Gegenwart geholt, mit aktuellen Selbstauskünften der Mitschuldigen an der Ermordung des Patrice Lumumba konfrontiert und zu einem überragenden Stück historischer Aufklärung arrangiert. Anders als es die Fixierung des Guido Knopp auf NS-Geschichte vermuten lassen könnte, ist dieses Thema in diesem Jahr nur mit "Ein Spezialist" und dem Mehrteiler "Soldaten hinter Stacheldraht" vertreten.

Stattdessen machen sich die Autoren von Reportagen und Dokumentationen in die Ferne auf: nach Vietnam, nach Afrika, nach Buenos Aires, in die Wüste (wie Ebbo Demant), nach Japan. Und kommen, wie Klaus Scherers "Kamikaze", mit Bildern einer Kriegstragödie zurück, von deren Ausmaß man bei uns bislang noch nichts erfahren hat. Oder sie graben in der Vergangenheit der ehemaligen DDR - und fördern Geschichten von Menschen zu Tage, die man dann plötzlich mit ganz anderen Augen sieht - wie den schillernden Johannes R. Becher ("Über den Abgrund geneigt ... "). Wenn man nicht überhaupt, zum ersten Mal, Bekanntschaft macht mit einem völlig Unbekannten, einst Berühmten und längst Verstorbenen: dem russisch-jüdischen Jazz-Saxofonisten Addi Rozner ("The Jazzman from the Gulag").

Es war ein guter Fernsehjahrgang. Und natürlich sollte die Themenvielfalt historisch-recherchierender Dokumentationen und Reportagen nicht dazu verführen, das Fernsehen besser zu reden, als es ist. Schließlich bilden ja auch die Adolf-Grimme-Preis-Nominierungen nicht das Alltägliche, sondern das Besondere des Fernsehens ab. Und selbst noch im Besonderen gähnt eine große Lücke: das Thema Wirtschaftsjournalismus. Trotzdem gibt es in diesem Jahr genügend Grund, die Unkereien über den Niedergang des Fernsehens ein wenig aufzuschieben. Das "Real-Life-TV" rülpst - die Karawane des Fernsehjournalimus kann hoch erhobenen Hauptes weiter ziehen.

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