Medien : Ground-Zero-Seifenoper

Der 11. September 2001 als deutscher Fernsehfilm: „Ein Tag wie kein anderer“ von Markus Imboden

Kerstin Decker

Ein Film zum 11. September 2001 – kann es den geben? Bisherige Versuche waren so zerrissen, fragmentarisch wie der Tag selbst und zumindest halbdokumentraisch – aber nun ein Hochglanz-Fernseh-Zweiteiler?

„Auf ewig und einen Tag“. Der Titel hat den hohen Ton, und gegen erborgtes Pathos reagieren wir empfindlicher, wenn es um den 11. September geht. Das Datum ist zu groß, um eine beliebige Geschichte daran zu knüpfen – sie muss dem Zeitenbruch standhalten. Sagen wir es so: Bis ganz zum Schluss wartet man bei diesem Film auf diese Rechtfertigung. Und dann geschieht wirklich noch etwas, was hier vorwegzunehmen sträflicher wäre, als in einem Kriminalfilm den Mörder zu verraten. Es wird nur eine minimale Wendung sein, aber „Auf ewig und einen Tag“ ist ein Film, der sich erst von seinem Ende her ganz begreifen lässt. Doch ist dieses Ende stark genug, um drei Stunden und dieses Datum zu tragen?

Regisseur Markus Imboden unterläuft unsere Erwartungen. Das spricht für ihn. Das World-Trade-Center brennt bereits in der ersten zehn Filmminuten, davor, ganz kurz nur, zeigt er diesen Septembertag, als er noch versprach, ein Tag wie jeder andere zu werden, und nicht die Zeitenscheide, vor der die Welt in ein Davor und Danach zerfiel. Ein Mann um die vierzig, Gregor Luckner (Fritz Karl), sitzt in einem New Yorker Taxi, der Wetterbericht verspricht 22 Grad, wolkenlosen Himmel und auf jeden Fall den schönsten Tag der Woche – ein Unentschieden zwischen Sommer und Herbst mit jener leisen Melancholie, wie sie Spätsommertage haben können. Und dann betritt Gregor Luckner einen der Türme, denn er hat einen Geschäftstermin, und schon sehen wir die Wände beben ... Wer den Anfang dieses Films verpasst, verpasst den ganzen 11. September, was also soll das werden?

Imboden beutet die oft – zu oft ? – gesehenen Katastrophen-Bilder nicht aus, im Gegenteil. Auch das spricht für ihn. Nur die Aufnahme von aus schwindelnder Höhe springenden Menschen kehrt wieder. Denn da ist einer, weit weg in Deutschland, der sieht diese Bilder immer wieder an, weil er glaubt, seinen Freund darauf zu erkennen – und Angst hat davor. Er heißt Jan Ottmann (Heino Ferch).

Schon in der nächsten Einstellung befinden wir uns im Landshut des Jahres 1975. Wieso Landshut, und wieso 1975? Imboden zwingt uns auf mehrere Zeitebenen zugleich und die wechseln unaufhörlich. Dieser Film besteht aus lauter Rückblenden. Zuschauerfreundlich ist das nicht. Die Amerikaner mögen keine Rückblenden im Fernsehen und nicht mal im Kino, weil man dabei so leicht durcheinanderkommen kann. Bei Imboden beträgt dieses Risiko 100 Prozent. Und was fürchten die Sendeanstalten mehr als irritierte Zuschauer? Aber auch diese Sprödigkeit wirkt anfangs sympathisch. Bis man irgendwann begreift, dass dieser Schachtelbau der Zeitebenen vor allem der Notwendigkeit entspringt, diesen einen Tag ständig präsent zu halten in einer im Grunde ganz anderen Geschichte: Es ist die Geschichte einer Männerfreundschaft, die als Jungenfreundschaft begann, besiegelt mit dem Schwur „Auf ewig und einen Tag“, und zwar in Landshut 1975.

Die Gemütslage von Halbwüchsigen, die solche Schwüre formulieren, ist die Gemütslage des Films. Drehbuchautor Christian Jeltsch hat tief in die Lego-Kiste der Fernsehtragödie gegriffen. Armer Junge (größer geworden: Heino Ferch) ist befreundet mit Fabrikantensohn (später: Fritz Karl). Fabrikantensohn hat Vaterkomplex, denn Vater liebt noch immer den toten Bruder des Fabrikantensohns. Beide Jungen wiederum lieben dasselbe Mädchen (Claudia Michelsen), lieben zwischendurch auch mal zu dritt. Lebensziel und Glaubensbekenntnis: „Wir wollen Karriere machen und Geld, richtig viel Geld.“ Und das machen sie dann. Dieser Satz ist gewissermaßen die tragische Mitte des Films. Achtung Querverbindung: Darf das Word Trade Center als Kathedrale des neuen Glaubensbekenntnisses gelten und damit latent untergangsgeweiht? Apropos Untergang: Wird es nicht doch irgendwann Zeit für einen Terroristen im Bild?

Wir werden der schwarzen Chefin einer New Yorker Cafeteria begegnen und ein paar freundlichen Chinesen, die berufshalber Billig-Anzüge mit Armani- oder Versace-Identitäten versehen und dazu sogar die passenden Tüten liefern (der Herrenausstatter für Börsianer im Karriereknick) – aber nirgends, den ganzen Film über, ein arabisches Gesicht. Und, wenn wir nichts überhört haben, fällt in drei Stunden nicht einmal das Wort „Terror“. Das könnte sublim sein, denn ein Film ist nicht dazu da, bloß die vorgeprägten Münzen unserer Wahrnehmung zu kopieren – aber hier ist diese Leerstelle verräterisch.

Natürlich, Heino Ferch rettet fast jeden Film, auch diesen ein Stück weit. Der Mann hat einfach kein Talent zum Klischee. Martina Gedeck spielt die spätere Freundin Jans, Repräsentantin einer Gegen-Wall-Street-Welt – die nicht berechnende Überlebenskünstlerin auf eigene Faust. Das ist schön, vielleicht etwas zu schrill und schräg, und das ist es, was an diesem Film auch ärgert: seine Völlerei der Motive.

„Auf ewig und einen Tag“ ist eine – ja, sprechen wir es ruhig aus – Ground-Zero-Seifenoper mit durchaus hörenswertem Soundtrack der siebziger, achtziger und neunziger Jahre. Letztlich passt diese Geschichte eines großen Vaterkomplexes ohnehin viel besser zum Freud-Jahr, und hier wird es beinahe originell: Ausgerechnet Henry Hübchen spielt die Inkarnation des Kapitals alten Stils. Und er kann das.

„Auf ewig und einen Tag“, Arte, heute, 20 Uhr 40; Wiederholung: ZDF, 11. September, 20 Uhr 15 (Teil 1); 13. September, 20 Uhr 15 (Teil 2)

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