Günter Wallraff : Der Gesellschaftsprüfer

Ganz oben, ganz unten, auf jeden Fall mittendrin: Günter Wallraff ist ein Journalist, der enthüllt, weil er sich verkleidet.

Barbara Nolte
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Ein Kölner, der nicht Karnevalist sein will: Günter Wallraff. Foto: Thomas Schulze pa/dpa

Günter Wallraff sagt, dass er es richtig genieße, sich zu verkleiden. Das liegt aber nicht daran, dass er in Köln lebt, der Stadt des Karnevals. „Karneval ignorier’ ich.“ Das Verkleiden treffe bei ihm ein „fast kindliches Verlangen, ein anderer zu werden“: eine Lust am Rollenspiel, das dazugehört, wenn er inkognito seine Ausflüge in die Welt der Ausbeutung unternimmt. Er habe da ein Talent. In einem Ferienlager, in dem er als Junge war, erzählt er, habe es einen Wettbewerb gegeben: Wer am glaubhaftesten im Sinne von Till Eulenspiegel handele. Hundert Kinder haben mitgemacht. Er hat gewonnen.

Günter Wallraff steht in seiner Haustür. Durchtrainierter Körper, ernstes Gesicht. Eine Schauspielernatur will er sein? Das passt nicht ins Bild. Wallraff gilt als Moralist. Als integrer Mann, aber als bestenfalls minimalistischer Mime. Einer, der das Rollenspiel in Kauf nimmt, um die Gemeinheiten in Deutschlands Unternehmen am eigenen Leib zu erfahren – oder in den Obdachlosenheimen, wo er den Winter verbrachte und wovon er im aktuellen „Zeit-Magazin“ berichtet. „In Hannover müssen Obdachlose in einem Bunker aus dem 2. Weltkrieg schlafen – ohne Fenster, ohne Pförtner oder Sozialarbeiter. Nachts wird der Bunker abschlossen. Wenn es brennt, kann keiner raus.“

In seiner allerersten Recherche Anfang der 60er hat Wallraff bereits Nachtasyle bereist, damals unverkleidet. Im Jahr darauf heuerte er in Fabriken an. Auch da verwendete er noch seinen richtigen Namen. Erst nachdem seine Reportagen regelmäßig in der Gewerkschaftszeitung „Metall" erschienen waren, musste er mit falschen Namen und Bärten operieren. Die Unternehmen hatten sein Bild in ihren Personalabteilungen aufgehängt.

Mit den geliehenen Identitäten – er leiht sich tatsächlich von Bekannten die Papiere – fing Wallraff an, humoristische Momente in sein Spiel einzubauen. Er findet, dass dieser Aspekt in den vielen Artikeln über ihn übersehen wird. Anfang der 70er, erzählt er, sei er beispielsweise als Bote beim Versicherungskonzern Gerling in die den Chefs vorbehaltene Kantine gegangen und habe Essen verlangt. Dabei habe er sich so starrköpfig gegeben, dass es schon grotesk gewesen sei. „Der Mann, der nicht lachen kann – das ist ein Zerrbild der Medien“, sagt Wallraff. Jetzt lacht er, tonlos. Seine Mundfalten kringeln sich bis zu den Augen hoch. Natürlich ist Wallraff keiner, der Witze reißt. Sein Humor hat mehr etwas von einem fröhlichen Ungehorsam. Die Robinie vor seinem Haus habe er selbst gepflanzt, sagt er und lacht wieder: „Darf man nicht. Mach’ ich einfach.“ Das Haus ist ein kleines Stadthaus aus dem 19. Jahrhundert, mit einer Einliegerwohnung für Besuch. Wallraff hatte den Schriftsteller Salman Rushdie bei sich aufgenommen, als der mit dem Tod bedroht war. Zurzeit wohnt ein Obdachloser bei ihm, den er bei der letzten Recherche kennenlernte. „Ich kann Beruf und privat nicht trennen“, sagt Wallraff, „will ich auch gar nicht.“

Mit langen Schritten läuft er in sein Gartenhaus, in dem sein Großvater eine Klavierwerkstatt betrieb. Noch immer steht dort ein Flügel. Darauf ein Telefon, das ständig klingelt. Ein Hörfunkreporter baut gerade sein Mikrofon auf. „Ich mach’ keine Unterschiede zwischen vermeintlich wichtigen und unwichtigen Medien. Ich rede mit jedem“, sagt Wallraff. Ein Grund, warum er seine Rechercheeinsätze richtig genießt, so strapaziös sie auch sind. Sie ermöglichen ihm, der Prominenz zu entfliehen, die man sich als Belagerungszustand vorstellen muss, in die Einsamkeit, die am Boden der Gesellschaft herrscht. „Ich kann mich konzentrieren, sehe vieles klarer.“

Seit zwei Jahren ist er wieder unterwegs. Diesen Januar und Februar verbrachte er, mit kurzen Unterbrechungen, unter Obdachlosen, schlief sogar bei minus 15 Grad hinter dem Kölner Hauptbahnhof. Die Strapazen, die Wallraff auf sich nimmt, machen die Resonanz seiner Artikel aus in diesen Zeiten, in denen der Journalismus immer schnelllebiger wird. Seine Methode: Erkenntnis durch Erleiden. „Ich bin noch immer psychisch und körperlich angeschlagen“, sagt er. In zurückliegenden Einsätzen jobbte er in Callcentern oder in einer Brötchenfabrik, wo er sich an den heißen Blechen die Arme verbrannte. „In den Betrieben ist das Klima viel unsolidarischer geworden“, sagt er, seit den 70er und 80er Jahren, in denen er seine großen Undercover-Recherchen machte.

Doch noch mehr hat sich in den Jahren aber die Reaktion auf seine Artikel geändert. Früher wurde Wallraff mit Prozessen überzogen. Außerdem stellte sich der Springer-Konzern, in den er sich als „Bild“-Reporter Hans Esser einschlich – „der widerlichste Job von allen“, sagt Wallraff – mit seiner ganzen publizistischen Macht gegen ihn.

Heute rennt er offene Türen ein. In der Brötchenfabrik bekamen die Mitarbeiter nach seinen Enthüllungen auf einen Schlag 24 Prozent mehr Lohn. Der Obdachlosen-Artikel ist einen Tag gedruckt, da planen Kommunalpolitiker aus Hannover bereits, die Bunkerunterkunft zu schließen, so hat Wallraff erfahren. Das alte Berufsziel von Journalisten, etwas zu verändern, klappt bei keinem so unmittelbar wie bei ihm. „Und ich bin bislang nicht mal wegen Missbrauchs der Ausweispapiere verklagt worden“, sagt er. Die neue Unangefochtenheit ist natürlich angenehm. Am Telefon, an das er während des Gesprächs immer wieder hechtet, sind Menschen, die ihn einladen wollen, loben. Zufällig, erzählt er, sei er einmal dem „Bild“-Kolumnisten Franz Josef Wagner begegnet, der habe gesagt: „Toller Coup“. Das war Wallraff zu viel. „,Für Sie bleibe ich die Feder des Bösen’“, habe er geantwortet. „So nannte Wagner mich mal. Auf einigen Feindschaften bestehe ich.“

Neben der „Bild“ gehörten dazu Politiker, die, wie Wallraff sagt, ihr Amt zur wirtschaftlichen Vorteilsnahme missbrauchten. In diesem Misstrauen gegenüber den Mächtigen glaubt man einen der letzten Klassenkämpfer zu erkennen, doch Wallraff schüttelt den Kopf. „Ich bin eher versöhnlich.“ Er stammt zwar aus der Arbeiterklasse. Der Vater stand bei Ford am Band. Doch seine Eltern vermittelten ihm kein proletarisches Bewusstsein. Der Vater las und aß gern und fühlte sich nicht ausgebeutet. Sich selbst beschreibt Wallraff als „unpolitischen, verträumten“ Jugendlichen. Das Motto seines Tagebuchs lautete: Die Realität entstellt die Dichtung. Eine schriftstellerische Ambition führte ihn zu seiner ungewöhnlichen wie wirksamen Form des Journalismus. Es war ausgerechnet bei Ford, dem altem Arbeitgeber des Vaters, wo Wallraffs erste Fabrikreportage entstand. Doch der Vater war zuletzt Prüfer, ein Schreibtischjob. „Im Grunde bin ich das ja auch: Prüfer“, sagt Wallraff. „Ich prüfe die Gesellschaft auf ihren Anspruch.“

In der alten Bundesrepublik war er quasi zur Bundesprüfstelle geworden. Ford, Gerling, Springer und schließlich Thyssen, wo er sich als Gastarbeiter Ali einschlich – die großen deutschen Konzerne hat er vorgeführt. Doch mittlerweile hat sich die Arbeitswelt aufgesplittet in viele Zulieferbetriebe und manchmal fragwürdige Dienstleister wie eben in der Callcenter-Branche. Denen traut man sowieso alles zu. Da bedarf es keines Beweises. Hart ausgedrückt: Wallraff liefert heute den Stoff für eine kurze Medienaufregung. Der Kapitalismus doktert anschließend ein wenig an sich herum, dann wird doch weitergemacht wie bisher.

Wallraff sagt, dass er selbstverständlich als Einzelner, „Vorturner“, nur begrenzte Möglichkeiten habe. Deshalb hat er sich an die Gewerkschaften gewandt und um Verstärkung gebeten: „Ihr solltet rumgehen, wie ich es tue. Ihr braucht keine falschen Papiere. Euch kennt keiner. Das wäre gut für eure Akzeptanz.“

Eine Hürde stellt sich Wallraff in den Weg, wenn er in Betrieben recherchieren will, und die wird immer schwieriger zu überwinden: Er muss im Vorstellungsgespräch genommen werden. Wallraff ist Mitte 60, im Rentenalter. Er lässt sich von einer Maskenbildnerin beraten, wie er sich unkenntlich machen und zugleich verjüngen kann. Für seine Jobs im Callcenter griff er zum Mittel, mit dem Männer seit Jahrhunderten ihr Alter kaschieren: der Perücke. Auch als Obdachloser setzte er wieder eine auf, diesmal ein besonders billiges, strähniges Modell. Die unperfekte, ein wenig schäbige Maskerade ist ein weiterer Teil von Wallraffs Faszination. Sie suggeriert: Wenn man genau hingeschaut hätte, hätte man bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Aber bei den Menschen, die die Drecksarbeit machen oder auf den Parkbänken schlafen, schaut eben keiner genau hin. Wallraff ist noch nie aufgeflogen. Die Angst davor verfolge ihn trotzdem bis in seine Träume, sagt er. Ihn schützt, dass er ein Tiefstapler ist. Man rechnet mit Hochstaplern.

Am Montag zieht er wieder los. Er ist unermüdlich, und selbst wenn sich sein wahres Alter nicht mehr bemänteln lässt, will er nicht aufhören. „Auch in Krankenhäusern und Altenheimen“, sagt er, „liegt vieles im Argen.“

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